Freitag, 26. Oktober 2007

Stardust

Ein großer Spaß! Totaler Schwachsinn - und ein großer Spaß! Man darf keinesfalls über Handlung oder Kohärenz nachdenken. Warum trägt das Kutschpferd auf einmal einen Sattel? Warum lassen ihre ersten beiden Zauberein die böse Hexe sichtlich altern, die nächsten aber erstmal nicht? Warum ist das Einhorn so magisch, daß es die Zauberfessel einfach so, schwupps, auflösen kann, dann jedoch stumpf die Sternenfrau direkt zur bösen Hexe trägt, um danach aber wiederum den Held vor dem vergifteten Weinkelch zu retten? Man sieht schon, alles, was ein Märchen braucht, ist vorhanden, böse Hexe, Held, Sagengestalten - und ein Stern, der zur Erde gefallen sich als nettes Mädel entpuppt. Ganz hübsche Idee eigentlich. Zum ganz großen Spaß wird der Film aber durch u.a. Robert De Niro als hochkultivierte Tucke, die vor der Mannschaft den harten Piratenkapitän mimen muß, "to keep the family business". Oder Ricky Gervais, das britische Original von Stromberg als schmieriger Händler mit Schwäche des Mundschließmuskels. Das ist fast schon zu selbstverliebt und metaebenenüberdreht, wie die beiden nichtmal ansatzweise schauspielen, sondern ganz dreist sich selber bzw. sehr manieriert eine ihrer Standardlieblingsrollen geben - aber es macht einfach Spaß. Ganz groß auch die Szene der Liebeserklärung. Der Held ist gerade eine Maus, Schnitt - Gegenschnitt ist also: niedliche Claire Danes - niedliches Mäuschen. Selten hat ein Kinopublikum bei einer Liebesszene so hingerissen geseufzt wie beim Anblick der (gerührt?) zitternden Schnauze des puscheligen großäugigen Mäuschens, dem gerade bedingungslose Liebe erklärt wird.
Wenn die Action überhandnimmt - Handlung kann man es kaum nennen - und sich das Ganze zum Showdown zuspitzt, wird es zunehmend öde, dann bleiben all die witzigen und netten Ideen und Dialoge auf der Strecke und es bleibt der typische Märchenblockbuster mit viel Special Effects für möglichst hohen Schauwert.

Donnerstag, 25. Oktober 2007

ge- und mißlungene Werbung

Unlängst bin ich über zwei - nebeneinanderhängende - Werbeplakate gestolpert, beide bemerkenswert. Auf dem einen warb Fuerzabruta - irgend so n Actioneventgroßveranstaltungzirkus, sieht aus wie ein Bastard von Circe du Soleil und "Stomp" - damit, daß sie 3 Monate im "legendären Londoner Veranstaltungsort 'The Roundhouse' ausverkauft" waren. Na super. Will man eine Veranstaltung sehen, die selber so unlegendär ist, daß sie damit werben muß, an legendären Orten gegeben zu werden? Ein typischer Fall von "das weltberühmte Artistenpaar".
Brilliant dagegen das Plakat des Konzerthausorchesters Berlin, auf dem groß und untereinander schlicht steht: Gluck. Gluck. Gluck. Darunter, ganz klein: "Drei Opern von Christoph W. Gluck im Konzerthaus Berlin." Die Werbeagentur war ihr Geld echt wert!

Und nun noch der Hinweis auf einen Slogan, der das Genre weit transzendiert, indem er exakt die unstete Rastlosigkeit und nie endende Unfertigkeit des Daseins beschreibt und mich damit jeden Morgen dermaßen existentiell trifft, daß ich danach kaum den Tag zu bewältigen vermag: "Es gibt immer was tun tun."

Dienstag, 23. Oktober 2007

Am Seil


von Thomas Lang hat offenbar so dermaßen keinen Eindruck bei mir hinterlassen, daß ich gestern abend anfing, es zum zweiten Mal zu lesen. Die ersten Seiten kamen mir merkwürdig bekannt vor, und Weiterblättern bestätigte den Verdacht: das Buch hab ich schonmal gelesen! Au Backe.
Das spricht allerdings eher gegen mein Gedächtnis (vorzeitiger Beginn von Alzheimer?) als gegen das Buch.
Wann werde ich das erste Mal 7 Euro bezahlen, um mir im Kino einen Film anzugucken, den ich bereits gesehen habe?

Gefahr und Begierde

Ein schöner Film fürs Charlottenburger Bildungsbürgertum. Entsprechend war das Delphi am Freitagabend so voll wie zur Berlinale, inklusive Schlangestehen, Reindrängeln und Plätzeverteidigen. Und was man da für Gespräche mit anhören mußte! "Das ist doch derselbe Regisseur wie 'In the Mood for Love' und dieser 'Brüllender Tiger, fliegender Drache' " - "Nein, 'In the Mood for Love' ist von Wang Ka Woi". Kreisch!
Ich wußte schon auf dem Hinweg, wie ich den Film finden würde: gepflegter Gefühlsschinken mit genug Anspruch bzw. hinreichend exklusivem Setting, um eben den Goldenen Löwen zu gewinnen. Nicht gerade eine vorurteilsfreie Herangehensweise, aber ich finde Ang Lee grandios überbewertet. Er macht seit "Sinn und Sinnlichkeit" genau das: aufwendige Gefühlsschinken ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn. Aber ich schweife ab. Also: Gefahr und Begierde; das stimmt ja schonmal ein auf großes - na? - eben: großes Gefühl.
(Die Internet Movie Database gibt übrigens als Plot Keywords (!) u.a. an: Male Frontal Nudity, Female Full Frontal Nudity, Leg Spreading, Mahjong, Orgasm, Student, Explicit Sex, WW II. Aha.)
Die erste Hälfte (eineinviertel Stunden, es gibt sich ja kaum ein Filmemacher mehr mit unter 2 Stunden zufrieden) war dann überraschend: eine Hand voll Studenten plant nicht nur, sondern versucht auch ernsthaft, ein Attentat auf einen hohen Politiker durchzuführen. Die spätpubertäre Mischung von abgrundtiefer Naivität mit patriotischem Sendungswahn, das Gefühl, alles tun und erreichen zu können, dabei die Konsequenzen aber in keiner Weise abzusehen - das war so absolut "wahr" und eindringlich, manchmal sogar auf einem hauchschmalen Grad zur Farce, dabei aber letztlich so zutiefst tragisch, weil diese Kinder überhaupt nicht kapieren, wie sie sich gerade ihre Seelen zugrunde richten. Richtig groß. Genau so isses doch, das Lebensgefühl um die 20: gefühlsduselige Omnipotenzgefühle, die Suche nach einem großen Ziel, dem man sich (gerne etwas fanatisch, eben noch in keiner Weise angekränkelt von des Gedanke Blässe) verschreibt - aber letztlich ist alles nur ein Spiel. Meint man. Ist es aber nicht.
Am Anfang scheint der irre Plan tatsächlich zu funktionieren, am Ende mißlingt - natürlich - alles aufs Gräßlichste, und sie reiten sich so richtig in die Scheiße.
Dann kommt die zweite Hälfte des Films - und die ist wie erwartet: Zwiespalt der Gefühle, Agentin entwickelt echte Gefühle für das Objekt, der vielleicht auch für sie - oder weiß er doch, daß sie eine Agentin ist, blahblahblah. Alles in gediegenen, sehr ästhetischen und durchdachten Bildern. Interessant ist jetzt (neben auffallend expliziten und akrobatischen Sexszenen) allenfalls noch der Aspekt der Macht: in dem Moment, in dem er denkt, er hat sie (die Frau, die Macht), macht er genau das, worauf sie seit Jahren hinarbeitet. Jeder von beiden meint im Moment der Niederlage, den/die andere/n endlich bezwungen zu haben.
Leider läßt Ang Lee ca. 20 Minuten vor Schluß die weibliche Hauptfigur genau das in einem Dialog nochmal ausführlich ausformulieren. Autsch. Schade eigentlich.
Achja, und: wer Mahjong kann (ich kann es nicht), hat mehr vom Film.
Also: ein gepflegter Gefühlsschinken...

Montag, 22. Oktober 2007

Adrian Mole - The Cappuccino Years


Witzig wie alle Adrian Mole-Bücher. Die Zeit liegt zwar schon so lange zurück (Beginn von New Labour, also 1997), daß das ganze etwas ältlich wirkt, ich manche Referenzen bzw. verulkte Zeitgeistkisten auch nicht so ganz kapiere - aber trotzdem sehr nett. Mehr gelacht habe ich allerdings bei "Adrian Mole and the Weapons of Mass Destruction" - aber das kann einfach daran liegen, daß ich das zeitnäher gelesen habe. Lange überlegt habe ich, warum das ganze Konzept funktionert und sich beim Lesen nicht immerzu die Zehennägel hochrollen vor Fremdschämen. Robert hatte die Lösung: weil man in Adrian Mole drinsteckt (sozusagen), also nie Opfer seiner Doofheit wird. Und man schämt sich nicht fremd, weil man ihn nicht von außen wahrnimmt. Man ist quasi gepuffert durch den Filter seiner Stumpfheit.

The Sad Truth About Hapiness

von Anne Giardini - übrigens die Tocher von Carol Shields - ist eine weitere Enttäuschung. Thema - offensichtlich - "Happiness", das ist doch immer irgendwie interessant. Mit meiner Schäche für Familiengeschichten gefiel mir der Anfang, die Kindheit der Hauptfigur und Ich-Erzählerin, erstmal gut. Floß nett und ruhig dahin, mit souveräner, abgeklärter, unaufgeregter Erzählstimme. Dann kommt recht schnell, nach ca. 30 Seiten und einem Kapitel der Clou: die Mitbewoherin entwirft Tests für Frauenzeitschriften, diesmal einen, der beantwortet, wie lang die Lebenserwartung ist. Und weil sie die Frage, ob sie glücklich sei, mit "Nein" beantwortet, sinkt ihre Lebenserwartung rapide - auf ca. 3 Monate. Schön schräg! Aber jetzt wird es leider zäh. Sie hat zwar plötzlich z.B. 3 Galane - aber warum und wieso, bleibt schleierhaft, die anfangs noch angenehm ruhige Erzählstimmer wirkt zunehmend bräsig. Irgendwie zündet das Buch nicht; Erzählstimme und der immer schriller werdende Plot werden immer disparater. Irgendwas funktioniert einfach nicht. Auch ihr Job ist ausführlich und anspielungsreich geschildert: sie führt Mammographien durch. Sicherlich sehr bedeutungsgeladen, zumal die Mutter der Autorin an Brustkrebs starb. Aber auch da: die Beschreibungen, die Bilder heben nicht ab, gewinnen keine Resonanz.
Wieder ein Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe.

Freitag, 12. Oktober 2007

Ende der Bücherglückssträhne




"Indecision" von Benjamin Kunkel - allein der Titel! Ein Buch wie für mich geschrieben! Das kann ja nur großartig sein! Dachte ich so. Handelt von einem (man kanns ja eigentlich schon nicht mehr hören, lesen oder sehen) nicht erwachsen werden wollenden Endzwanziger oder schon Thirtysomething in New York, der an akuter und chronischer Entschlußlosigkeit leiden soll. Da stellte ich mir schon die wunderbarsten kafkaesken Szenen aktiver Entschlußunfähigkeit vor sowie minutiöse Beschreibungen der absurdesten Techniken zur Entscheidungsfindung (Münzenwerfen, Würfeln, Abzählen, um nur mal die unspektakulärsten und nächsliegenden zu nennen). Aber nö. Nix da.
Dwight Wilmerding ist ein ganz normaler, sogar ein besonders netter Kerl, halt n bisschen schluffig. Es fällt einem sofort der männliche Moppel aus dem Film "Knocked up" ein. (Überhaupt fallen einem sofort ganz viele Filme ein und umgekehrt viele Szenen in dem Buch auf, die als Film besser funktionieren würden als im geschriebenen Wort. Unangenehm.) Das originellste am Hauptcharakter ist noch sein Name. "Charakter" trifft es sowieso nicht - sagen wir mal lieber "Hauptfigur", das paßt eher. Worin nun seine besondere Entscheidungsunfähigkeit besteht, ist mir auf 120 Seiten nicht klar geworden; sie ist weder besonders auffällig noch bereitet sie ihm auffällig Probleme. Da brauch man nur mal zum nächtbesten Verhaltenstherapeuten zu gehen, der kann einem überzeugendere Beispiele für Entscheidungsunfähigkeit beschreiben, daß man nicht mehr aus dem Haus geht, weil man sich nicht entscheiden kann, was man anziehen soll. Nur mal so als Beispiel.
Aber sowas eindeutiges gibt's nicht in dem Buch. Die "Aussage" soll wohl sein: dieses typische Slackerdasein, dieser Ennui am Leben mit um die 30 sind lediglich Symptome der zugrunde liegenden Krankheit, keine Entscheidung fällen zu können oder wollen.
Tut mir leid - das ist zu wenig für knapp 250 Seiten, ich kann das so neu oder bemerkenswert auch nicht finden. Die Idee ist ja ganz witzig, daß es ein neues Medikament gegen Unentschlossenheit gibt, Dwight dies einnimmt und nun auf die Heilung wartet - aber ich warte seit mindestens 40 Seiten mit ihm und verliere langsam die Geduld. Dwight denkt auf Seite 90 "It seemed like the only way I had of thinking about anything was to think about something else. And this really ruined the procedure."
Wie treffend! Es scheint, daß Herr Kunkel eigentlich über was ganz anderes schreiben will, das aber nicht gebacken kriegt, - und das runiniert den Vorgang, nämlich den des Lesens!

Ich kann mich außerdem des Eindrucks nicht erwehren, daß hier jemand zu gewollt zu Werke geht; daß z.B. Benjamin Kunkel sich den Spruch, mit dem sich Dwight in seinem Job als Tech Support am Telephon meldet ("Hello and thank you for calling the Problem Resolution Center. This is Dwight speaking") mit ganz viel Hirnschmalz aufwändig einzig und allein dafür ausgedacht hat, dann den Joke bringen zu können: "Hello and thank you for calling the Dwight Resolution Center. This is Problem speaking."
Haha.
Irgendwie ist das alles zu offensichtlich auf Effekt und Witz ausgelegt; da will jemand ganz arg geistreich sein, raus kommt dabei aber spätpubertärer, reichlich uninteressanter Quark. Was ein verwöhntes pseudointellektuelles Jüngelchen aus New York halt so für Probleme hält.
Schade, da wurde eine witzige Idee und ein gutes Thema verdaddelt.
Auf dem Umschlag steht das Zitat von Arthur Phillips, "Benjamin Kunkel is able to provoke deep thought and deep laughter in equal measure." Ich kann das für mich umformulieren: "Benjamin Kunkel is able to provoke me". Punkt.

Ich bin wahrlich nicht sehr entschlußfreudig, aber nach 120 Seiten der Unentschlossenheit habe ich immerhin diese Entscheidung getroffen: an dieses Buch verschwende ich keine weitere Lebenszeit.

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Still Life

Ein Film um den Drei-Schluchten-Staudamm in China.
Sicherlich ein poetisches Meisterwerk (wie der Spiegel oder sonstwer schreibt).
Ich bin eingeschlafen.

Offiziell Provinz

That's it: München ist officially Provinz.
Letzte Woche bin ich einen Tag in der Stadt rumgelatscht und hatte einen knapp über knielangen (wie man das gerade so hat) orangeroten Rock mit 3 eingesetzten Stoffbahnen in verschiedenen Grüntönen an. So oft und auffällig bin ich nicht mehr angegafft worden, seit ich ca. 1985 in einer Hose mit einem weißen und einem schwarzen Hosenbein zur Schule gegangen bin.
Was ist das denn??
In Berlin hat noch niemand auch nur einen Blick verschwendet, wenn ich den Rock trage - und so soll es sein! DAS ist Stadt!

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Hinterher


Habe so lange nichts geschrieben, daß es jetzt zig Bücher abzuarbeiten gibt: als nächstes "Clear" von Nicola Barker. Ich hatte das Riesenglück, daß ich es lesen mußte. Weil: "Digging to America" hatte ich ausgelesen und es stand die 6stündige Zugfahrt von München nach Berlin an; als Lesestoff hatte ich nur noch den Roman von Nicola Barker. Hätte ich weiteren Lesestoff in petto gehabt, wäre ich über die ersten 30 Seiten niemals hinausgekommen, weil, o Mann, was ein oberaffiger Stil! Kreisch! Wie die Rezensentin im Guardian schreibt (überhaupt eine sehr tolle und treffende Kritik): sie war die ersten 50 Seiten nur angenervt und hätte am liebsten geschrieen "what's with all the italics?"
So ein - auf den ersten Blick - furchtbarer jung-forscher Stil, schreiben wie geredet wird (angeblich), voller Ausrufezeichen, Kursivdruck, what have you. Nicht meine Tasse Tee, sowas von nicht. Meine Idee: So würde Herr Stuckradt-Barre (schreibt der sich so?) gerne schreiben, wenn er könnte, nur eben auf deutsch.
Aber dann, nach ein paar Dutzend Seiten, lo and behold: Inhalt! Oder so: hier schreibt nicht irgendein Jungspunt, der das cool findet, einen ach so flapsigen Stil zu schreiben, sondern hier schreibt jemand mit Ideen, die all die vielen überlappenden Ideengeschichten ineinanderdrillt mit diesem atemlosen GedachtgleichGesagtgleichGeschrieben-Stil, der mit den Seiten eine unerwartete und ganz eigenartige Poetik entfaltet.
Handlung bzw. Dreh- und Angelpunkt: der amerikanische "Illusionist" (Mittelding zwischen Aktionskünstler und Magier) David Blaine schließt sich für 44 Tage ohne Nahrung in eine transparente 3x3x2 m große Kiste ein, die an der Tower Bridge in der Luft hängt. (Das ist Fakt, die Aktion und diesen Künstler gab bzw. gibt es.) Was soll das, was soll man davon halten, hat das irgendeine Wirkung, bedeutet das irgendwas oder ist es reine monitär motivierte Selbstdarstellung? Das fragt sich der Icherzähler und eine handvoll seiner Bekannter, und seine 44 Tage sind der "Plot" des Romans, der vollgestopft ist mit Geistesgeschichte, Zeitgeist, Irrwitz und Witz.
Kleine Kostprobe dafür: der Untertitel des Romans lautet "A Transparent Novel"... auch wenn die Relation transparenter Roman - transparente Kiste sehr - mein Gott, ja: transparent ist - wie geil! Dadurch öffnen sich (zumindest für mein unsubtiles Hirn) weitere zahlreiche Facetten und Durchblicke des Buches. Großartig!
Letztlich vielleicht nicht mehr als eine intellektuelle Spielerei, das Buch, aber als solche so gelungen und anregend! Und nach der - allerdings nötigen - Desensibiliierung auch: ein Buch, in dem Sprache nicht nur dazu dient, eine Geschichte zu transportieren, sondern Teil des Spiels ist, Lust an der Sprache und ihren Ausdrucksmöglichkeiten.
Nicola Barkers neues Buch "Darkmans" (auf der Kurzliste des diesjährigen Man Booker Prize) ist bislang leider nur als Hardcover erschienen, auf das Taschenbuch muß ich also wohl noch ne Weile warten.

Digging to America


von Anne Tyler handelt von zwei Familien in den USA, die jeweils ein Kind aus Korea adoptieren. Die beiden Familien lernen sich am Flughafengate kennen, als beide Kinder zufällig mit demselben Flugzeug ankommen. Diese erste Szene ist klasse geschrieben, wie von einem unbeteiligtem, distanzierten Zeugen beobachtet. Die Familien bleiben dann in Kontakt, die beiden Mädchen wachsen als beste Freundinnen auf. Interessant ist, daß eine der beiden Familien iranischstämmig ist - und daß deren Adoptivkind das "unattraktivere", kleinere, häßlichere, introvertiertere Baby ist. Diese Entscheidung hätte ins Auge gehen können: die "richtigen" Amerikaner bekommen das süße Bilderbuchbaby, die "Einwanderer" das schwierigere Resterampenkind - was ist das für eine Aussage!? Aber es funktoniert, weil dieses Baby aus Familiensicht überhaupt nicht als "minderwertig" wahrgenommen wird, weil die US- Mutter als etwas nervige Übermutter dargestellt wird - und weil der Fokus des Buches weniger auf der Geschichte der beiden adoptieren Kinder als vielmehr auf der aus dem Iran immigrierten Großmutter Maryam liegt; das Thema des Buches ist, ganz klar: "Fremdheit". Bemerkenswert ist, daß dieses Thema gerade NICHT anhand der beiden Adoptivkinder aus Korea behandelt wird - deren Herkunft ist irrelevant, sie werden nicht als "Fremde" in den USA dargestellt. Vermutlich, weil diese Kinder, in Amerika auf typisch amerikanische Weise aufwachsend, eben nicht fremd sein werden, nur ein Heimatland kennen werden. Im Gegensatz zu Maryam, die sich, obwohl seit langem eingebürgert, immer noch als Fremde in den USA wahrnimmt. Die Geschichte der beiden Familien wird etwa 5 Jahre lang verfolgt - über den 11.9.2001 hinweg, der aber nur als Echo hineinklingt.
In der Schlußszene überwindet Maryam ihr Außenseitertum, in dem sie sich eingerichtet hatte, da damit auch in sicheres Gefühl der Überlegenheit einherging. Im Buch wirkt das - Anne Tyler sei Dank - nicht pathetisch. Es bleibt aber doch ein schales Gefühl. Die Aussage, als Immigrant(in) dürfte man nicht an seiner Außenseiterrolle festhalten, sondern solle sich mit Haut und Haaren der neuen Heimat verschreiben, wird von der amerikanischen(!) Autorin getroffen; das mutet bei allem Respekt vor Anne Tyler und ihren ehrenwerten Absichten doch etwas anmaßend an.
Dennoch: der Roman ist von bewährter Anny-Tyler-Qualität, amüsant, gut zu lesen und nicht dumm.

Dienstag, 2. Oktober 2007

One Good Turn

von Kate Atkinson habe ich gestern zu Ende gelesen.
Wie immer bei ihr eine klasse Erzählstimme, sehr sehr witzig, voller Bonmots. Mein Liebling: "That was what the world was like, things improved but they didn't get better." Auch sehr schön (wenn auch irgendwie naheliegend) ist es, auf "I've found Jesus" die Mutter der Bekehrten antworten zu lassen "oh, where was he?".
Es ist der zweite Kriminalroman von Kate Atkinson, und die auf dem Taschenbuch aufgedruckten Kritiken überschlagen sich vor Lob, er sei so hochliterarisch. Ehrlich gesagt - das ist mir etwas entgangen. Vielleicht war ich zu sehr im "Dies-ist-nur-ein-Krimi"-Lesemodus und habe den Roman einfach vergnüglich weggeschlabbert, ohne mir z.B. besonders tiefschürfende Gedanken über die offensichtlich bedeutungsvollen Russischen Puppen zu machen. Das Buch soll ganz eindeutig wie diese ineinandergesteckten Puppen funktionieren - nur ist etwa die Auflösung nicht im Mindesten so paßgenau und zwangsläufig wie die kleinste, verborgene Puppe. Und so sehr ich den trockenen Tonfall der Autorin schätze - wenn alle Charaktere genau diesen Tonfall übernehmen und alle die gleiche abgeklärte, ironische Skepsis an den Tag legen, fehlt mir ja schon was.
Daß dies nun ein literarisches Meisterwerk ist, würd ich nicht dringend meinen - aber ein großes Lesevergnügen!

Ein fliehendes Pferd

Ein Film, den ich überhaupt nicht auf dem Plan hatte, im Gegenteil, den ich dezidiert nicht sehen wollte. Martin Walser - ochnö. Und dann noch mit Katja Riemann! Die nervt mich seit den fiesen Komödien der 80er Jahre. Erinnert sich da noch jemand dran? An den Boom des deutschen Films in der Form übler Geschlechterkampfklamotten vor nunmehr - o Graus - 20 Jahren? War schon ein schlimmes Jahrzehnt, die Achziger.
Eine überaus positive Rezension in der epd Film stimmte mich dann um - zum Glück. Klasse Film, und, die größte Überraschung für mich: Katja Riemann ist großartig. Zum Niederknien. Ist ja ohnehin ein Schauspieler-Film, aber keiner der beiden Männer kommt an sie ran. Wie da in einem Blick, in einer Körperdrehung ein ganzes Leben liegt - ich war schwer beeindruckt.
Der Film ist auch sehr elegant gemacht; Schnitte fallen mir selten auf, meist, wenn sie gewollt künstlerisch oder anstrengend schnell sind. In diesem Film aber sind sie mir aufgefallen, weil sie minimal anders sind, als erwartet (ich kann nichtmal sagen, ob einen Sekundenbruchteil früher oder später), und dadurch ganz stark die Aufmerksamkeit auf die Person, auf das Geschehen bündeln. Irgendwie rhythmisch, intensiv, sehr genau kam mir das vor.
Die ganze Geschichte ist dann doch nicht wirklich klischeefrei, aber überaus amüsant. Und so langsam schleicht sich dann das Abgründigere - oder ist es nur die Midlife-Crisis? - in die extrem unterhaltsamen Szenen. Sehr gelungen.