Mittwoch, 10. Oktober 2007

Digging to America


von Anne Tyler handelt von zwei Familien in den USA, die jeweils ein Kind aus Korea adoptieren. Die beiden Familien lernen sich am Flughafengate kennen, als beide Kinder zufällig mit demselben Flugzeug ankommen. Diese erste Szene ist klasse geschrieben, wie von einem unbeteiligtem, distanzierten Zeugen beobachtet. Die Familien bleiben dann in Kontakt, die beiden Mädchen wachsen als beste Freundinnen auf. Interessant ist, daß eine der beiden Familien iranischstämmig ist - und daß deren Adoptivkind das "unattraktivere", kleinere, häßlichere, introvertiertere Baby ist. Diese Entscheidung hätte ins Auge gehen können: die "richtigen" Amerikaner bekommen das süße Bilderbuchbaby, die "Einwanderer" das schwierigere Resterampenkind - was ist das für eine Aussage!? Aber es funktoniert, weil dieses Baby aus Familiensicht überhaupt nicht als "minderwertig" wahrgenommen wird, weil die US- Mutter als etwas nervige Übermutter dargestellt wird - und weil der Fokus des Buches weniger auf der Geschichte der beiden adoptieren Kinder als vielmehr auf der aus dem Iran immigrierten Großmutter Maryam liegt; das Thema des Buches ist, ganz klar: "Fremdheit". Bemerkenswert ist, daß dieses Thema gerade NICHT anhand der beiden Adoptivkinder aus Korea behandelt wird - deren Herkunft ist irrelevant, sie werden nicht als "Fremde" in den USA dargestellt. Vermutlich, weil diese Kinder, in Amerika auf typisch amerikanische Weise aufwachsend, eben nicht fremd sein werden, nur ein Heimatland kennen werden. Im Gegensatz zu Maryam, die sich, obwohl seit langem eingebürgert, immer noch als Fremde in den USA wahrnimmt. Die Geschichte der beiden Familien wird etwa 5 Jahre lang verfolgt - über den 11.9.2001 hinweg, der aber nur als Echo hineinklingt.
In der Schlußszene überwindet Maryam ihr Außenseitertum, in dem sie sich eingerichtet hatte, da damit auch in sicheres Gefühl der Überlegenheit einherging. Im Buch wirkt das - Anne Tyler sei Dank - nicht pathetisch. Es bleibt aber doch ein schales Gefühl. Die Aussage, als Immigrant(in) dürfte man nicht an seiner Außenseiterrolle festhalten, sondern solle sich mit Haut und Haaren der neuen Heimat verschreiben, wird von der amerikanischen(!) Autorin getroffen; das mutet bei allem Respekt vor Anne Tyler und ihren ehrenwerten Absichten doch etwas anmaßend an.
Dennoch: der Roman ist von bewährter Anny-Tyler-Qualität, amüsant, gut zu lesen und nicht dumm.

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