Dienstag, 23. Oktober 2007

Gefahr und Begierde

Ein schöner Film fürs Charlottenburger Bildungsbürgertum. Entsprechend war das Delphi am Freitagabend so voll wie zur Berlinale, inklusive Schlangestehen, Reindrängeln und Plätzeverteidigen. Und was man da für Gespräche mit anhören mußte! "Das ist doch derselbe Regisseur wie 'In the Mood for Love' und dieser 'Brüllender Tiger, fliegender Drache' " - "Nein, 'In the Mood for Love' ist von Wang Ka Woi". Kreisch!
Ich wußte schon auf dem Hinweg, wie ich den Film finden würde: gepflegter Gefühlsschinken mit genug Anspruch bzw. hinreichend exklusivem Setting, um eben den Goldenen Löwen zu gewinnen. Nicht gerade eine vorurteilsfreie Herangehensweise, aber ich finde Ang Lee grandios überbewertet. Er macht seit "Sinn und Sinnlichkeit" genau das: aufwendige Gefühlsschinken ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn. Aber ich schweife ab. Also: Gefahr und Begierde; das stimmt ja schonmal ein auf großes - na? - eben: großes Gefühl.
(Die Internet Movie Database gibt übrigens als Plot Keywords (!) u.a. an: Male Frontal Nudity, Female Full Frontal Nudity, Leg Spreading, Mahjong, Orgasm, Student, Explicit Sex, WW II. Aha.)
Die erste Hälfte (eineinviertel Stunden, es gibt sich ja kaum ein Filmemacher mehr mit unter 2 Stunden zufrieden) war dann überraschend: eine Hand voll Studenten plant nicht nur, sondern versucht auch ernsthaft, ein Attentat auf einen hohen Politiker durchzuführen. Die spätpubertäre Mischung von abgrundtiefer Naivität mit patriotischem Sendungswahn, das Gefühl, alles tun und erreichen zu können, dabei die Konsequenzen aber in keiner Weise abzusehen - das war so absolut "wahr" und eindringlich, manchmal sogar auf einem hauchschmalen Grad zur Farce, dabei aber letztlich so zutiefst tragisch, weil diese Kinder überhaupt nicht kapieren, wie sie sich gerade ihre Seelen zugrunde richten. Richtig groß. Genau so isses doch, das Lebensgefühl um die 20: gefühlsduselige Omnipotenzgefühle, die Suche nach einem großen Ziel, dem man sich (gerne etwas fanatisch, eben noch in keiner Weise angekränkelt von des Gedanke Blässe) verschreibt - aber letztlich ist alles nur ein Spiel. Meint man. Ist es aber nicht.
Am Anfang scheint der irre Plan tatsächlich zu funktionieren, am Ende mißlingt - natürlich - alles aufs Gräßlichste, und sie reiten sich so richtig in die Scheiße.
Dann kommt die zweite Hälfte des Films - und die ist wie erwartet: Zwiespalt der Gefühle, Agentin entwickelt echte Gefühle für das Objekt, der vielleicht auch für sie - oder weiß er doch, daß sie eine Agentin ist, blahblahblah. Alles in gediegenen, sehr ästhetischen und durchdachten Bildern. Interessant ist jetzt (neben auffallend expliziten und akrobatischen Sexszenen) allenfalls noch der Aspekt der Macht: in dem Moment, in dem er denkt, er hat sie (die Frau, die Macht), macht er genau das, worauf sie seit Jahren hinarbeitet. Jeder von beiden meint im Moment der Niederlage, den/die andere/n endlich bezwungen zu haben.
Leider läßt Ang Lee ca. 20 Minuten vor Schluß die weibliche Hauptfigur genau das in einem Dialog nochmal ausführlich ausformulieren. Autsch. Schade eigentlich.
Achja, und: wer Mahjong kann (ich kann es nicht), hat mehr vom Film.
Also: ein gepflegter Gefühlsschinken...

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