
Nachdem ich "Clear" von Nicola Barker so großartig fand, habe ich ihren Roman von 1998 mit großen Erwartungen gelesen. Und wieder war ich am Anfang abgestoßen - diesmal nicht vom Stil, der nicht so aufdringlich "kinky" ist und auf den ersten Blick vergleichsweise bieder, sondern von den Figuren und der - durch einen Bezug auf Becketts Stück gleich angekündigten - Handlung: Mann gabelt einen durchgeknallten Obdachlosen auf, sie nennen sich bald so wie der jeweils andere und es ist absehbar, daß das Leben des - scheinbar - normalen Mannes ursurpiert werden wird vom anderen. Vor meinem inneren Auge lief der Rollentausch ab, wie der normal wirkende Mensch mit Arbeit und Wohnstatt zum durchgeknallten Obdachlosen wird und dieser wiederum Job und Wohnstatt übernimmt. Schwer zu ertragen.
Ganz so ist es dann nicht.
Nicola Barker verwebt wieder verschiedenste Charaktere, Ideenstränge und Geschichten eng und enger miteinander; das ist ganz klar konstruiert, wirkt auch konstruiert - aber nicht aufgesetzt. Wieder das Phänomen: bei ihr funktioniert, was bei anderen gewollt und gezwungen wirkt. Wieder absolut originelle - und so treffende! - Sprachbilder ("A whole herd of feelings trampled across his face"), wieder eine extrem seltsame Personnage (der Mann ohne große Zehen), wieder extrem seltsame Ideen (ein merkwürdiges Monsterwesen in einem Karton, der nie geöffnet wird) und komplexe Verknüpfungen. Überhaupt wieder eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit.
Und erneut - wenn auch aus ganz anderen Gründen - ein mich erstmal abstoßendes Buch, das mehr und mehr gewinnt. Es hätte es verdient gehabt, schneller und intensiver gelesen zu werden - nicht auf 14 Tage verteilt in U-Bahn-Fahrten- und Mittagspausen-Häppchen.
In "Clear" geht es auf allen Ebenen um Transparenz, hier um Offenheit - eng verwandte Themen, die dieselbe Stoßrichtung haben. Wenn bei Barkers neuestem Roman "Darkmans" der Titel ebenfalls derart programmatisch ist, wird das ein deutlicher Themenwechsel.
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