Donnerstag, 21. Februar 2008

5 Filme in 2 Tagen: Sonntag


Ist ja nun schon Tage her, was hab ich noch am letzten Berlinaletag gesehen?
Achja: September, ein australischer Film, der in Südaustralien in den 60ern spielt, über die Freundschaft des weißen Farmbesitzersohns und dem Sohn des Farmarbeiters, einem Aboriginee. War mit Abstand der wortkargste Film der Berlinale, dafür ganz viel ganz leere Landschaft. Klasse Film. Was andere zu einem ganzen Buch oder Film aufblähen (ich sage nur "The Kite Runner"!), nämlich der Verrat der Freundschaft durch den privilegierteren Part, ist hier eingewoben in komplexere Zusammenhänge.


Als letztes dann, noch einmal im wunderschönen Zoopalast, Chiko. Gut war, daß man trotz vorgerückter Stunde sowas von nicht einschlief dabei. Ansonsten fällt mir dazu nicht viel ein. So ein bißchen "Gegen die Wand" oder "Knallhart", also das mittlerweile auch nicht mehr ganz unübliche Draufhalten auf brutale Umstände, die dann auch die Leute brutal machen. Kann man sich angucken, wenn er im April ins Kino kommt.
So, dit waret mit Bälinahle für dieses Jahr.

Mittwoch, 20. Februar 2008

5 Filme in 2 Tagen: Samstag

Am letzten Berlinale-Wochenende kam nochmal mit 5 Filmen in 2 Tagen der große Endspurt - und der richtige Berlinale-Kinorausch. Am Samstag haben wir hintereinander weg gesehen (raus aus dem Kinosaal, rein in den Kinosaal) Sag mir, wo die Schönen sind und To Verdener (Worlds Apart), dann eine Stunde Pause, um sich ein Abendessen reinzupfeifen und weiter gings mit Coupable. Drei sehr unterschiedliche Filme, alle drei gut.

Der Dokumentarfilm über 10 Frauen, die 1989 beim Schönheitswettbewerb "Miss Leipzig" mitgemacht haben und was sie heute so treiben hatte zwar (unbeabsichtigt, nehme ich an) die sozialdarwinistische Message, daß es Gewinner und Verlierer gibt, war aber einfach der Frauen und des Zeithintergrundes wegen interessant.

Der dänische Jugendfilm "To Verdener" (lief jedenfalls in der Reihe Generation14plus) über eine Zeugin Jehovas, die sich in einen Normalo verliebt und dadurch in immer größere innere und äußere Konflikte gerät, war auch klasse. Beklemmend. Ich hatte erfolgreich verdrängt, wie furchtbar es ist, das Über-Ich dermassen übel reingedrückt zu bekommen. So richtig klassisch der Standardsatz des Vaters: "Es ist deine Entscheidung, aber ich halte es für keine gute Idee." Igitt.

Coupable war dann wohl der interessanteste Film. Künstlich und konstruiert, völlig unrealistische und durchaus auch nervige Charaktere - mich hats trotzdem angesprochen (mein Kinobegleiter war gelangweilt und wand sich im Kinositz), und optisch war der Film toll. Irgendwie ging es um Liebe und Isoliertheit, aber wie und was genau, das blieb schwebend und leicht. Gedankenanregend. Oder doch einfach nur manieriert (wie passend, das Wort kommt vom französischen "maniéré") und langweilig? Keine Ahnung, einer der Hauptdarsteller sah wahnsinnig gut aus, da hab ich gerne hingeguckt.

Dienstag, 19. Februar 2008

There Will Be Blood

Den Bärenfavoriten noch während der Berlinale, aber im stinknormalen Kino gesehen. Wie entspannt Kino doch sein kann: man muß die Karten nicht 3 Tage vorher mit Schlangestehen kaufen, man muß nicht 20 Min vor dem Kino auf Einlaß warten, sich dann reindrängeln als wäre das Kino der letzte Zug in die Freiheit und in einem knallvollen Kino hinter Sitzriesen sitzen.
Ob 2 Stunden Betonfresse eine große schauspielerische Leistung ist, sei dahingestellt, die letzten 20 Minuten driftet Daniel Day-Lewis jedenfalls ins Knallchargenhafte ab. Das sei aber o.k., belehrt mich mein Kinobegleiter, immerhin sei er betrunken. Also nicht Daniel Day-Lewis (nehme ich mal an), sondern der dargestellte Charakter.
So ganz verstehe ich die totale Rundumbegeisterung nicht, mir scheint - wie schon bei "Magnolia" - zu entgehen, was diesen Film so dermaßen besonders und megageil macht. Er ist auf jeden Fall sehenswert und gut, toll gemacht, ja, zweifellos. Und, auch wenn das schon so oft gesagt und geschrieben wurde, ich muß doch auch nochmal in diese Kerbe hauen: die Filmmusik ist großartig, absolut überragend. Sowas in einem Hollywoodfilm zu hören - man traut seinen Ohren nicht.

Freitag, 15. Februar 2008

Massengeschmack?

Huch, sollte ich doch beim Massengeschmack angekommen sein, gleichzeitig der süßen Illusion hingegeben, es sei noch wunders wie originell und eigensinnig, "kleine Filme" über "Menschen wie Du und ich" gut zu finden? (Wie z.B. Happy-Go-Lucky.) Wenn man es sich recht überlegt, überschwemmen diese Art Filme das Kino, naja, überschwemmen ist vielleicht was anderes. Aber so richtig neu ist das seit sicher 10 Jahren auch nicht mehr. Vielleicht ist das ja der nicht mehr so ganz neue Mainstream und schon längst zum Gefühlskitsch verkommen, nur ich hab's noch nicht gemerkt. Wenn ich sehe, daß in der Berlinale diese Art von Filmen zuhauf in allen Sektionen laufen (besonders beliebt als Episodenfilm!) und zum Teil nur noch davon zu leben scheinen, daß sie im Prenzlauer Berg ("Die Helden aus der Nachbarschaft") oder in Kreuzberg am 1. Mai ("Berlin - 1. Mai") spielen, werden diese Filme mir langsam auch unsympathisch.

Donnerstag, 14. Februar 2008

Elegy

Hab ich gar nicht gesehen, und das schönste ist ja, sich über Filme auszulassen, die man gar nicht gesehen hat. Kann der größte Mist sein - man wird es nie erfahren und kann hemmungslos vom Leder ziehen, unangekränkelt von der Seherfahrung Blässe.
Ich wollte aber nur kurz anmerken, daß ich die Enttäuschung einiger Journalisten (z. B. von arte) über Isabel Coixets "Elegy" nicht verstehe. Es wird beklagt, es sei ein gekonnt gemachter, aber seichter, weichgespülter Film ohne Aussage. Wer bitte hat denn nach "Mein Leben ohne mich" von dieser Regisseurin irgendetwas anderes erwartet als geschmäcklerischen Kitsch, der vorgibt, Kino mit Tiefgang zu sein?

Mittwoch, 13. Februar 2008

Det som ingen ved (What no one knows)

Och nö! Ich hatte sicher keine übertriebenen Erwartungen an diesen dänischen Thriller und einfach auf spannende, gut gemachte Unterhaltung in bewährter skandinavischer Qualität gehofft. Aber nein: gänzlich einfallslos und unoriginell werden Versatzstücke eines Thrillers abgespult, der nach dem Muster funktioniert "völlig unbedarfter Mann stolpert über eine Verschwörung der ganz Mächtigen (natürlich im Geheimdienst) und kämpft ganz alleine immer verzweifelter gegen die Verschwörung". Was man schon zigmal spannender gesehen hat. Søren Kragh-Jacobsen hat dem Genre rein gar nichts hinzuzufügen oder abzugewinnen - und er hat es nicht mal gut umgesetzt. Garniert wird das ganze noch - und das soll vermutlich der hochbrisante Aspekt sein, der das Machwerk mit gesellschaftskritischem Anspruch adelt - mit einer agitpropmäßig sowas von derb hingeklatschten Warnung vor dem Überwachungsstaat, daß man vor Fremdscham für den Regisseur schier unter den Kinositz kriechen will.

Dienstag, 12. Februar 2008

Happy-Go-Lucky



Enrahah! Ganz kapiert hab ich's nicht, irgendwas hatte es mit den Spiegeln zu tun, jedenfalls will das der durchgeknallte Fahrlehrer der Hauptfigur Poppy einbläuen und schreit sie in unregelmäßigen Abständen an: Enrahah!
Happy-Go-Lucky kommt für einen Mike-Leigh-Film ungewohnt leichtfüßig und lockerflockig daher, genau wie seine Hauptfigur, die grelle Vollzeitspaßdüse Poppy, die mich im wahren Leben zu Tode nerven würde mit ihrer ewigen guten Laune.

(Sally Hawkins scheint übrigens nicht unerhebliche Ähnlichkeiten mit ihrer Figur zu haben: wie ihr beim Auftritt vorm Berlinalepalast genau wie Poppy im Film immerzu das Jäckchen von der einen Schulter rutscht, wie sie auf dem roten Teppich rumzappelt und trödelt, obwohl eine Orga-Tante verzweifelt versucht, sie an der Hand weiterzuzerren und in den Berlinale-Palast zu schleusen. Aber es wird weitergetrödelt und mit Journalisten geschwatzt, und dann auch nochmal beim Signieren des Posters rumgealbert und aufwendig gemalt. Macht ja nix, warten ja nur 1600 Leute darauf, daß der Film losgeht.)

Der Film macht Spaß, ohne oberflächlich zu sein. In der Schilderung von Poppys Alltag in Nordlondon (genauer gesagt Finsbury Park, was so in etwa dem Wedding entspricht) scheinen immer wieder ernste Themen und dunklere Seiten auf - genau wie im richtigen Leben: hohe Immigrantenrate ihrer Schulkinder, Familienkonflikte, Einsamkeit, Armut in London. Bemerkenswert ist, daß Mike Leigh anders als so viele - schlechtere - Regisseure den Sozialpädagogen zu Hause läßt: er zeigt, er bewertet nicht. Eine Stellungnahme zum Schicksal der gescheiterten oder hilfebedürftigen Figuren des Films (ein Kind in Poppys Klasse, ihr gestörte Fahrlehrer, ein Obdachloser) findet sich allenfalls in Sally Hawkins' Augen, die in diesen Szenen so voller Mitgefühl sind, daß einem schier das Herz stehenbleibt. Überhaupt ist großartig, wie Sally Hawkins zwischen Überdrehtheit und Ernsthaftigkeit pendelt und beides absolut überzeugt. Wie die Ulknudel gegenüber Menschen, die ihrer Hilfe bedürfen, auf einmal völlig still und zurückgenommen ist, ganz teilnehmend auf das Gegenüber konzentriert: hinreißend.
Dafür hätte sie den Silbernen Bären verdient, aber für den ist die Favoritin wohl die natürlich sowieso großartige Berlinale-Veteranin Tilda Swinton mit ihrer manisch-brachialen Darstellung (nach dem, was man so hört, selber gesehen hab ich's ja nicht...) in Erick Zonkas "Julia".
Überhaupt ist man den Figuren bei Mike Leigh oft so nah - großartige Darsteller allesamt! - , daß man nicht in ihre Gesichter zu blicken meint, sondern direkt in ihre verletzte Seele. Das ist bezeichnend für diesen Film: Offenheit. Offenheit gegenüber den Charakteren, Offenheit des Plots, Offenheit aber auch der Charaktere selber. Genaues, unvoreingenommenes Hinsehen auf das, was ist.
Insgesamt hat Happy-Go-Lucky wohl keine Aussichten auf einen Bären: er widmet sich keinem brisanten weltpolitischen Thema, er spielt nicht in einer unterprivilegierten Region der Welt (was immer man von Nord-London halten mag), er bietet keine große, aufrüttelnde Attitüde. Mike Leigh sagte einmal, er wolle ungewöhnliche Filme über das gewöhnliche Leben machen. Und daß seine Filmen keine Antworten gäben, denn er kenne die Antworten nicht. Genau das zeichnet Happy-Go-Lucky aus - und genau das ist so überaus wohltuend an diesem Film.

PS: Noch schöner hätte ich's gefunden, Poppy trifft nicht noch den supernetten und gutaussehenden Kinderpädagogen. O.k., das ist auch irgendwie realistisch, irgendwann trifft eine 30jährige halt auch mal einen netten Kerl (obwohl - mind. 1,85 großer, gut gebauter Pädagoge mit wunderschönen blitzblauen Augen? Wie wahrscheinlich...) , aber irgendwie schmeckt das doch ein bißchen nach Klischee - so n bißchen Liebesgeschichte muß halt sein, und dann auch gerne positiv verlaufend gegen Ende des Films.

PPS: Ein bißchen vermiest wurde mir der Film beim Verlassen des Berlinalepalastes durch die Bemerkung einer dicklichen Dame in breitestem sächsisch: "Das war doch mal was Schönes!"
Oha. Bin ich etwa doch auf ein Feelgood-Movie reingefallen?

Berlinale-PR

Eine Meisterleistung der Öffentlichkeitsarbeit der Berlinale ist es, daß die kurzfristige Absage zweier wichtiger Mitglieder der Internationalen Jury (Sandrine Bonnaire und Susanne Bier) nahezu unerwähnt blieb und kaum oder gar nicht ins Bewußtsein der meisten Berlinale-Besucher oder Berlinale-Interessierten gedrungen ist. Eine denkbar knappe Pressemitteilung auf den Berlinale-Seiten, sonst nichts, insbesondere keine bedauernde Erwähnung auf der glorreichen Eröffnungsgala. Geschickt. Wir wollen ja nicht den Eindruck erwecken, die Berlinale habe für zwei preisgekrönte Persönlichkeiten des Filmgeschäfts nicht die alleroberste Priorität. Könnte unser tolles, wichtiges Filmfestival ja irgendwie abwerten.

Tout est parfait

Na also, geht doch. Endlich mal keine Enttäuschung. Ein sehr ruhiger kanadischer Film über einen fast erwachsenen jungen Mann, dessen vier beste Freunde sich umbringen. 115 Minuten guckt man zu, wie Josh versucht, irgendwie damit fertigzuwerden, übrig geblieben zu sein. Die Spannung entsteht dadurch, daß man (wie alle Figuren im Film) grübelt, warum - und ob - Josh nicht in das "Selbstmord-Projekt" einbezogen war. Außerdem weiß man bald - nicht sofort - , daß der Film in Rückblenden erzählt und Josh im Koma liegt, was zumindest für mich den latent verstörenden Effekt hatte, daß nahezu jede Situation bedrohlich erschien: Fahrradfahren, Skateboardfahren, durch die Straßen gehen, schwimmen - bei all diesen Gelegenheiten könnte ein Junge ohne weiteres einen fast tödlichen Unfall haben. Oder führt ein gescheiterter Selbstmordversuch Joshs zum Koma?
Der Film bleibt nicht ganz klischeefrei, ist aber doch über weite Strecken eindringlich und eindrücklich. Beeindruckend ist die Szene, in der der Zuschauer am Ende des Films doch noch erfährt, ob Josh etwas vom geplanten Selbstmord der Gruppe wußte oder nicht: völlig unpathetisch und gerade deswegen von großer Wucht. Und von dieser Szene (und der Auflösung) aus gewinnt der ganze Film rückblickend noch einmal an Intensität.

Montag, 11. Februar 2008

Humor II

Man zeige mir einen Menschen ohne Humor!
Alle Welt hat Humor; das Adjektiv "humorvoll" fehlt in keiner Selbstbeschreibung in Kontaktanzeigen. (Obwohl - woher meine ich das zu wissen? Als ob Kontaktanzeigen zu meiner täglichen Lektüre zählen würden!)
Humor ist das Must-have unter den Eigenschaften.

Ich oute mich jetzt: Ich habe keinen Humor. Absolut nicht. Nie gehabt.

"Humor" ist nicht das, was gemeinhin dafür gehalten wird. Humor bedeutet nicht Sinn für Komik, Absurdes oder Skurilles, bedeutet nicht Witz haben oder witzig sein. Humorvoll sein heißt nicht, daß man der Spaßkasper auf jeder Party ist oder bei Komödien oft und gerne lacht. Humor ist eine innere Einstellung. Humor ist Gelassenheit gegenüber der Widrigkeit der Welt bei gleichzeitiger Freundlichkeit und Nachsicht sich selbst und der Welt gegenüber. Humor haben heißt, nicht zynisch und bitter zu werden ob der Suboptimalität der ganzen Veranstaltung Welt und Leben, sondern mit freundlicher Distanz die vorhandene Komik wahrzunehmen und sich damit über die Widrigkeiten zu trösten. Das Leben scheißt einen an und man kann trotzdem darüber schmunzeln. Oder eben wie es so schön heißt: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht." Man muß sich nur mal klarmachen, was genau das ist, trotz dessen man lacht - und weshalb genau man trotzdem lachen kann, anstatt zu verzweifeln.
DAS ist Humor. Humor ist eine Form von innerer Größe.

Und nun zeige man mir bitte einen Menschen mit Humor.

Sonntag, 10. Februar 2008

Transsiberian


Nein, also nein. Das wichtigste zuerst: der Film kommt im April in die deutschen Kinos, und es lohnt sich nicht, ihn anzusehen.
Emily Mortimer, in ihren früheren Rollen immer gut, ist hier großartig und auch Woddy Harrelson ist wie fast immer sehenswert. Auf Ben Kingsley hätte ich verzichten können, der spielt seit 10 Jahren in jedem Film dieselbe Leier, diesmal auf russisch bzw. auf englisch mit russischem Akzent, noch bekloppter. (Schon wieder so ein Film, bei dem Muttersprachler sich verarscht fühlen müssen.)
Ich hatte nicht auf dem Plan, daß "ein großer Star" mitspielt und habe die Aufregung vorm Zoo-Palast daher erst gar nicht kapiert, bis ein Pressemensch mir erklärte, Ben Kingsley würde erwartet. Ich habe ja die natürlich durch Ausnahmen bestätigte Berlinale-Faustregel "Je bekannter der mitspielende Star, desto schlechter der Film", weil der Film dann häufig nur ins Programm aufgenommen wurde, um den Star nach Berlin zu kriegen, also im wahrsten Sinne ein Starvehikel ist. Qualität spielt da nicht unbedingt eine Rolle. (Wunderbarstes Beispiel: "Bordertown", der letztes Jahr doch tatsächlich im Wettbewerb lief, nur damit der höchstversicherte Arsch der Welt über den roten Berlinale-Teppich wackelte.)
"Transsiberian" fängt gar nicht uninteressant an mit klaustrophobischen Aufnahmen in der runtergekommenen Transsiberischen Eisenbahn, in der nichts funktioniert, vor allem nicht das Zugpersonal. (Nach nur 5 Minuten war ich geheilt von der Idee, einmal mit der Transsiberischen Eisenbahn fahren zu wollen, und dafür hat sich der Film wohl dann doch gelohnt.) Auch die Charaktere sind gar nicht so langweilig wie erwartet, das amerikanische Ehepaar, bei dem man sich fragt, wie die beiden zusammengefunden haben.
Nach den ersten 30 Minuten geht es dann allerdings nur noch bergab: sie erschlägt unvermittelt und reichlich grundlos in der siberischen Pampa den zudringlich werdenden Zugkabinenmitbewohner (juristisch heißt sowas wohl Notwehrexzeß), sitzt dann weinend lange in Jeans und kurzem dünnen Daunenjäckchen neben der Leiche (lange, weil die Leiche danach gut schneebedeckt ist), wobei sie bei -23 Grad - die Temperatur wird uns vorher explizit noch mitgeteilt - realistischerweise wohl erfroren wäre. Die letzten 20 Minuten verkommen dann völlig zu einem blutigen, öden und wiederum unplausiblen Überlebenskampf gegen 2 böse Russen. Ärgerlich.
Der Regisseur konnte sich offensichtlich nicht entscheiden, ob er einen Psychothriller oder ein Actionmovie machen wollte - oder er wollte beide Genres mischen. Das wäre allerdings auch gründlich mißglückt.
Am bemerkenswertesten (not in a good way) an dem Kinoabend war, daß Brad Anderson sich nicht bemüßigt fühlte, sein Kaugummi loszuwerden, bevor er das Mikro griff, so daß ca. 1000 Menschen sich sein mikrofonverstärktes Geschmatze anhören mußten. Klang wie etwas aus einem Animationsfilm... ich bin die Fliege im Mund eines Menschen.

Donnerstag, 7. Februar 2008

Berlinale-Peinlichkeit

Eine erste böse Ahnung beschlich mich, als ich die im typischen Berlinale-Schriftzug unter den am Potsdamer Platz en masse applizierten Berlinale-Bären gesprayten Worte "Knut welcomes Flocke" gesehen habe: Die Berlinale ist peinlich geworden.
Und dann habe ich mir gestern abend zum ersten Mal ever im Fernsehen die Eröffnungsgala angesehen.
O my God! It's like watching a car crash!
Angefangen damit, daß der ZDF-Moderatorin Heino Ferch "zur Seite stand", der oberdoofen Mist zu allem möglichen Kram redete, von dem er nichts versteht. ("Finden Sie die hohen Preise für Stones-Konzerte angemessen?" - Was ne bekloppte Frage, aber was interessiert mich, was Heino Ferch dazu meint?) O.k., dafür kann die Berlinale nichts. Aber die Berlinale kann was für Dieter Kosslick! Der Mann verwechselt offenbar Herzlichkeit und Jovialität mit grenzdebilem Auftreten. Wie er glasig in den Ausschnitt von Katrin Bauerfeind (eine weitere fleischgewordene Peinlichkeit) glotzte - den Mann kann man doch nicht auf eine Bühne lassen!
Und was der für einen Mist sabbelt - einer der bezeichnenden Höhepunkte war die Aussage, in den diesjährigen Berlinalefilmen gehe es oft um "Schicksale für Kinder". Außerdem stammelte er mehrfach "Abu Ghraib" - das sollte wohl der politische Anspruch der Berlinale sein.
Achja: und "Wir sind Helden" sind endgültig unten durch, die verkaufen sich offenbar auch an alles und haben mit "Die Konkurrenz" den Einheizer gespielt. Ausgerechnet! Da sitzen ausschließlich die Arriviertesten der Arrivierten, die Erfolgreichen, Satten, Reichen, denen der goldene Löffel aus dem Arsch guckt - und die denken wohl noch, das ist wunders wie rebellisch, wenn sie denen dieses Lied vorspielen!
Was eine Gala-Gülle.

PS: Kann ich jetzt eigentlich belangt werden wegen übler Nachrede oder sowas? Könnte ich theoretisch - es liest ja keiner, aber falls es Herr Kosslick lesen würde - verklagt werden von Herrn Kosslick? Offenbar habe ich grobe Lücken zum Thema "freie Meinungsäußerung"...

Karten kaufen

Ich Idiotin habe 10:00 Uhr verschlafen, und wie soll's anders sein: um 10:05 war mein einer Wunschfilm am Sonntag schon ausverkauft, aber noch online-Tickets für den zweiten Film am Abend angeblich online buchbar. Nur leider war der Server überlastet, und bis ich ne Verbindung hatte, war auch der ausverkauft.
Wer zu spät kommt...

Lohnt es sich, 30 Minuten oder länger an den Ticketschalter zu gehen oder sind dort auch schon alle Karten weg, fragte ich mich. Die Beantwortung dieser Frage schien telephonisch möglich: Radio-Eins hat doch tatsächlich eine Infohotline zu Kartenkontingenten. Wahnsinnig tolle Sache, dachte ich. Nach 5x wählen kam ich auch tatsächlich durch - aber Informationen über den Stand des Kartenverkaufs für Vorstellungen am Sonntag hat der nette Herr erst ab heute ca. 14:00 Uhr. Na toll. Das ist also eine Pseudoinfo-Hotline, denn bis dahin sind die Karten für die Sonntagsvorstellungen sowieso alle weg.

Immerhin fand ich in einem Artikel des Tagesspiegel die lang gesuchte Antwort auf die Frage, wie groß das online-Ticket-Kontingent ist: da steht ca. 30% der Tickets gehen in den online-Vorverkauf.

Nutzt mir jetzt aber auch nix...

Humor

In einem Interview mit Doris Dörrie zu ihrem neuen Film Kirschblüten-Hanami sagt sie auf die Frage, warum so selten Komödien auf Filmfestivals laufen, die meisten Leuten trauten ihren Tränen mehr als ihrem Humor. Das finde ich einen interessanten - und auch überzeugenden - Gedanken, egal, wie doof ich Frau Dörrie und ihre Filme ansonsten finde.
Vielleicht ist es nicht nur eine Frage des größeren Vertrauens in die Tränen, sondern auch der Wertigkeit - Weinen ist mehr wert, ist wertiger, als Lachen. Lachen ist die niedere Gefühlsäußerung, Weinen die edlere.
Dabei ist doch klar, wie einfach auf die Tränendrüse gedrückt werden kann. Es müssen nur entsprechende Harmonieabfolgen in der Filmmusik abgespult werden zusammen mit Großaufnahmen trauriger Gesichter z.B. bei schmerzlichen Abschieden - und die Tränen fließen. Von E.T. über Forrest Gump bis Brokeback Mountain: ich sitze im Kino und heule. Und das regelrecht auf Knopfdruck und gegen meinen Willen! Ich weiß genau, daß ich manipuliert werde, ich kann sogar präzise analysieren, wie diese Manipulation funktioniert - die Tränchen laufen trotzdem.
Wie kann das ein sichereres Urteil, wie kann das die verläßlichere Reaktion sein als Lachen?
Wenn ich einem als Qualitätsurteil mißtraue, dann sind das meine Tränen im Kino!

Lachen dagegen ist das Erkennen einer wahrhaftigen Darstellung der abgründigen Absurdität des Lebens - das Wiedererkennen der Realität bei gleichzeitiger Anerkennung des Transzendentieren und Erträglichmachen derselben durch Komik.
Meinem Lachen vertraue ich blind.

Mittwoch, 6. Februar 2008

Berlinale


Heute geht die Berlinale los, und ich verstehe sie jetzt schon nicht mehr.
Am ersten Vorverkaufstag um 12:00 endlose Riesenschlangen, wie die vergangenen Jahr erst nach 2-3 Tagen. Karten für Vorstellungen des letzten Sonntage im Internet binnen kürzestem ausverkauft.
Dann gestern mittag: keine Schlange nirgends. An keinem Ticketschalter mehr als max. 5 Menschen hintereinander. Wer kann mir das erklären?
Anyway - etwas lustlos habe ich die ersten Karten erstanden für einen Film, der ohnehin im April ins reguläre Kino kommt: Transsiberian. Etwas sinnlos also, aber im schönen Zoo-Palast, wo sonst nur synchronisierter Blockbustermüll läuft.
Mal sehen, was die Berlinale dieses Jahr mit gebremstem Elan meinerseits bringt. Hoffentlich nicht lauter Filme, die das Gefühl hinterlassen: hätte man jetzt nicht sehen brauchen.

Verzichtbare Filme

Bislang habe ich dieses Jahr in überwiegend verzichtbaren Filmen gesessen: nach etlichem bereits vergessenen kürzlich in Control (schwarzweiß aber trotzdem nicht aufregend) und Once (kleiner Film aber trotzdem totaler Mainstream-Kitsch). Es hätte mir im Leben nichts gefehlt, hätte ich diese beiden Filme nicht gesehen, so richtig klassisch: Kann man sich angucken, aber wozu eigentlich? (Vielleicht habe ich auch einfach keine Musikerseele, obwohl ich völlig übereinstimme mit dem Klograffiti im rechten Damenklo des Il Casolare "ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum". Überhaupt schöne Klograffiti in diesem Damenklo, der Satz "I love my darling" ist sicher auch konsensfähig... ist jetzt schon Klograffiti anonymisiert bzw. gibt es da auch Angst vor Vorratsdatenspeicherung, daß da keine Namen mehr genannt werden?)




Diese unselige Kette ist hoffentlich mit Fallen von Barbara Albert unterbochen worden. Ein Film, der was mit dem eigenen Leben zu tun hat, mit Fragen und Zusammenhängen, die man kennt und beackert. (Im Gegensatz zu Control, wo ich mich eine Stunde lang fragte, was der Protagonist eigentlich genau für ein Problem hat.) Ein schöner Film. Witzig, wahr, traurig, desillusionierend, poetisch, aufrichtig.