
So - vermutlich, so richtig flüssig ist mein Schwedisch nicht - die Übersetzung des Originaltitels "Du Levande", dem Film, der als "Das jüngste Gewitter" gerade im Kino läuft. Auf dem deutschen Kinoplakat steht außerdem die Zeile "Es ist nicht leicht, ein Mensch zu sein." Da war klar, den Film muß ich sehen. Und er ist großartig. Groß-ar-tig. Das stellt meinen Glauben ans Kino wieder her, daß solche Filme nicht nur gedreht werden, sondern tatsächlich auch ins Kino kommen. Ihn als schwedischen Beitrag bei den Oscars einzureichen dürfte allerdings das Kinoverständnis der Jury hoffnungslos überfordern und komplett aussichtslos sein. Aber auch das: wie cool! Sagen sich die Schweden: diesen Film finden wir klasse, den reichen wir ein, Chancen hin oder her.
Anyway - der Film: jede Einstellung sieht aus wie ein lebendes Michael-Sowa-Bild. Jedes noch so winzige Detail paßt. Das Grundprinzip ist: jede Szene wird in einer einzigen Einstellung durchgefilmt, die Kamera bewegt sich nie, und Zoom gibt es höchstens in 5 Szenen. Und das ist ein echtes Kinoerlebnis und sowas von abgefahren: keine Schnitte, keine Kamerabewegung! Man sieht lebende Tableaus, bei denen die Aufmerksamkeit häufig langsam auf das "eigentliche Objekt" gerichtet wird; oft gibt es mehrere Ebenen - Türen, Fenster, hinter denen parallel Weiteres stattfindet.
Und was da stattfindet! Eine eigentliche Handlung gibt es nicht, es sind kleine nachdenklich-absurde Abhandlungen über das Menschsein aufgefädelt. Mir hat besonders gut der Albtraum gefallen, in dem drei Richter biertrinkend das Todesurteil für "groben Unfug" verhängen bzw. versteigern - Todesurteil, zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten, bäng. Bei der Hinrichtung sitzt dann hinter der Glasscheibe popcornfressend das Publikum. Der Film bewegt sich haargenau auf der Grenze zwischen Groteske und Verzweiflung, ist totlustig und zum Schreien traurig.