"Denn der Mensch ist seinen Schmerzen gegenüber ein ungläubiger Thomas. Er muß sie sehen und lokalisieren können, um sie zu glauben und zu akzeptieren. Das perfide an der seelischen Wunde ist, daß sie nicht existiert und dennoch wirkt. Sie beeinträchtigt - zunächst und direkt - weder die geistige noch die körperliche Integrität des Menschen, noch seine Weltwahrnehmung. Und gerade dies: Daß sich eingentlich an dir selbst nichts verändert hat und alles ebensogut weitergehen könnte wie zuvor und zugleich ein ohrenbetäubend kreischendes Bewußtsein darüber besteht, daß nichts mehr ist wie zuvor und nichts mehr so weitergehen kann, darüber ist kein Hinwegkommen. Weil die seelische Wunde unsichtbar ist, eine Leere und Abwesenheit im Zentrum des Schmerzes, weil daher keine natürliche innere Anerkenntnis der Krankheit oder Verletzung erfogen kann, vermag es auch keine vernünftige Behandlung zu geben. Man wartet nicht auf Heilung, sondern sucht immer wieder nach der 'Stelle', man wirft Blicke einer perversen Faszination auf das unsichtbare Phänomen, schlägt um sich wie ein geblendeter Polyphem, man erlaubt ihr gar nicht, sich zu schließen, sondern reißt, im ewig andauernden Unglauben, daß uns dies geschehen sein könne, jedes Wundhäutchen sofort wieder auf, um durch den erneuten frischen Schmerz die Gewißheit zu bekommen, sich nicht getäuscht zu haben, keiner Illusion aufgesessen, tatsächlich selbst der Betroffene zu sein. (...)
Die Zeit aber verwandelt sich dem, der eine seelische Wunde empfangen hat, sie verliert ihre gewohnte Dreiteilung in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Die Gegenwart als der jeweils zu gestaltende Moment und als einziges Tempus tatsächlicher Wahrnehmung verschwindet, denn da sie, mangels eines sichtbaren Ortes der Wunde, der Raum ihrer permanenten Vergegenwärtigung ist, (...) drängt das Bewußtsein sie über beider Zeitränder hinaus, nach vorn in eine rastlos herbeigewünschte, Klärung und Veränderung des Zustands bringen sollende Zukunft, nach hinten in eine lethargisch brütende, die sich aufeinanderschichtenden Reproduktionen der immergleichen Frage freudlos kategorisierende, analysierende, systematisierende Vergangenheit. Die Zeit eines seelisch Verwundeten kennt nur noch diese beiden Tempi, über das Jetzt weiß er nichts, kein Herzschlag des lebendigen Universums vermag ihn zu rühren. (...)
Wo aber überhaupt keine Gegenwart existiert, wird plötzlich alles zu Gegenwart, zu einem lastenden, erstickenden Nunc stans, wie die Luft in einem heißen, feuchten Badezimmer ohne Entlüftung."
(Michael Kleeberg: Karlmann. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2007, S. 412ff)
Donnerstag, 15. Mai 2008
Freitag, 9. Mai 2008
Karlmann
ist der Mittzwanziger, mit dessen Hochzeit am Tag von Beckers Wimbleysieg (grandios beschrieben) das Buch beginnt, und der hinter all seinen Lebenserwartungen zurückbleibt, weil er im Autohaus des Vaters (auch noch Opel) als Geschäftsführer anfängt.Michael Kleeberg seziert nicht nur gnadenlos genau und gänzlich illusionslos Befindlichkeiten und Zustände (den Prozeß des Sich-Verliebens, die Qual des täglichen Aufstehens, um einer sinnfreien Arbeit nachzugehen, das Gerangel um Überlegenheit in alltäglichen Gesprächen), sondern schafft es auch, sie in Sprache zu formen, so daß ich immerzu laut "ja, ja! Genau, genau" schreien könnte. Das kann mitunter trotz der Befreiung durch das Wiederfinden eigener Gedankenwelten etwas bedrückend daherkommen. Fröhlich stimmt das Buch genauso wenig wie das darin so brilliant beschriebene "Stahlbad der Wirklichkeit".
Aber da schafft es einer, sich völlig von allen Gefühlsbanalitäten und Gedankenvorschriften zu befreien, von jeglichem "so ist das" - und das auch noch sprachlich hundertprozent genau zu fassen; da wird der grauen, harten, banalen und oft auch so absurd-idiotischen Wirklichkeit mal ohne jeden Willen zur Beschönigung in die häßliche Fratze geschaut, UND das Geschaute formuliert - wie befreiend!
Eine echte Entdeckung - seit langem ein deutsches Buch, bei dem die Sprache eine Lust ist, bei dem ich zurückblättere und Passagen noch einmal auf der Zunge (pardon: Auge) zergehen lasse und das Bedürfnis habe, sie vorzulesen, weil sie einfach geil sind, weil Gedanke und Ausdruck treffen, bis ins Mark.
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