Freitag, 9. Mai 2008

Karlmann

ist der Mittzwanziger, mit dessen Hochzeit am Tag von Beckers Wimbleysieg (grandios beschrieben) das Buch beginnt, und der hinter all seinen Lebenserwartungen zurückbleibt, weil er im Autohaus des Vaters (auch noch Opel) als Geschäftsführer anfängt.
Michael Kleeberg seziert nicht nur gnadenlos genau und gänzlich illusionslos Befindlichkeiten und Zustände (den Prozeß des Sich-Verliebens, die Qual des täglichen Aufstehens, um einer sinnfreien Arbeit nachzugehen, das Gerangel um Überlegenheit in alltäglichen Gesprächen), sondern schafft es auch, sie in Sprache zu formen, so daß ich immerzu laut "ja, ja! Genau, genau" schreien könnte. Das kann mitunter trotz der Befreiung durch das Wiederfinden eigener Gedankenwelten etwas bedrückend daherkommen. Fröhlich stimmt das Buch genauso wenig wie das darin so brilliant beschriebene "Stahlbad der Wirklichkeit".
Aber da schafft es einer, sich völlig von allen Gefühlsbanalitäten und Gedankenvorschriften zu befreien, von jeglichem "so ist das" - und das auch noch sprachlich hundertprozent genau zu fassen; da wird der grauen, harten, banalen und oft auch so absurd-idiotischen Wirklichkeit mal ohne jeden Willen zur Beschönigung in die häßliche Fratze geschaut, UND das Geschaute formuliert - wie befreiend!
Eine echte Entdeckung - seit langem ein deutsches Buch, bei dem die Sprache eine Lust ist, bei dem ich zurückblättere und Passagen noch einmal auf der Zunge (pardon: Auge) zergehen lasse und das Bedürfnis habe, sie vorzulesen, weil sie einfach geil sind, weil Gedanke und Ausdruck treffen, bis ins Mark.

Keine Kommentare: