Sonntag, 5. Oktober 2008

Francis Bacon


Am letzten Tag in London regnet es Bindfäden, und kurzfristig platzt die Lunch-Verabredung mit Anna; das Mietauto muß an der Victoria Coach station abgegeben werde, wo 3 h später dann auch der Bus gen Stanstead abfährt. Was also tun? Vor allem, weil sie zu Fuß zu erreichen ist, fällt die Entscheidung auf die Francis-Bacon-Ausstellung in der Tate Britain - und das ist dann unverhoffterweise das Kulturhighlight, das das Theaterstück der Royal Shakespeare Company trotz David Tennant irgendwie nicht war.

So oft stehe ich vor Bildern und verstehe es nicht - why this picture? Ich weiß einfach zu wenig über Ikonographie (oder Ikonologie, da fängts ja schon an!), über Kunst, über alles. Ein Museumsbesuch ist dann oft wie ein Augenbad: die Augen kriegen mal was anderes zu sehen als den Alltagskrempel und Berliner herbstgrau, was ja auch einfach mal ganz erholsam ist.

Aber jetzt, Francis Bacon: es fegt mir schier die Rübe weg. Ich gehe in den ersten Raum und SEHE, was gemeint ist. Ohne Umwege über kunsthistorische Grübeleien treffe ich auf diese Bilder wie auf ein Gegenüber, das meine Weltsicht ganz und gar teilt. Ich sehe diese Bilder und denke "ja, genau so ist es." Der Mann hat die menschliche Existenz begriffen - und kann es sichtbar machen. Diese verzerrten kreatürlichen Menschenleiber, so oft schreiend, so oft in gerasterte Räume gezwungen oder ineinander verkeilt, von den Kadaverkreuzigungen mal ganz abgesehen: so isses. Das und grauenvollerweise nur das bedeutet Dasein nach dem Verlust der Transzendenz. Dieses schreiende Leiden - die Bilder tun fast körperlich weh. Und sind umso herzzereißender, als auch die Portraits von Bacons Freunden ausgestellt sind, der Versuch der erfüllenden Sinngebung und menschlichen Wärme neben die nackte Existenz als Kreatur gestellt ist.

Unablässig dazu als Soundtrack in meinem Kopf die Sonette von Andreas Gryphius und das Brahms-Requiem - zumal so viele Körper im Gras gemalt sind und schier mit diesem verschmelzen.

Keins dieser Bilder könnte ich ertragen, jeden Tag anzuschauen - aber wie großartig ist es, sie einmal gesehen zu haben.

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