Montag, 20. Oktober 2008

Novi Sad - Podgorica - Shkodra (Montag)

Heute früh mache ich um 6:00 Uhr Weckdienst für Matthias 2 Hotelzimmertüren weiter, was kein Problem ist, da ich schon seit 4:30 senkrecht im Bett stehe. Na toll, da hätte ich auch um die Neusätzer Häuser ziehen können und Spaß haben! Zur Abwechslung wird mal wieder eine Mahlzeit ausgelassen - so früh am Morgen brauche ich ewig, um meinen Krempel in den zu kleinen Koffer zu zwängen, außerdem rebelliert mein Magen schon beim Gedanken an das Hotelfrühstück.

Anyway - heute stehen an: 3 Länder an einem Tag per Zug und Bus. Sollte alles fahrplanmäßig klappen, brauchen wir für die 560 km von Novi Sad nach Shkodra in Albanien ca. 13 Stunden. Es werden dann über 16 Stunden daraus. Nachmittags stehen wir gute zwei Stunden irgendwo in Monenegro (oder war es irgendwo in einem Zipfel von Bosnien?), weil ein neues Stück Schiene eingeschweißt werden muß. Ungefähr 10 Minuten vor Ankunft in Podgorica stehen wir nochmal rund 30 Minuten, weil die Autos trotz roten Signals - und ankommenden Zuges! - immer weiter munter über die Gleise brettern.
Die Stimmung bleibt anhaltend gut, das endlose Zugfahren kocht alle weich und zusammen, zwar sitzen wir Deutschen und der serbische Chor fein nach Abteilen getrennt, da aber phasenweise alle im Zuggang zusammenklumpen, nimmt die Gruppendynamik ihren Lauf. Von den angeblich so schönen schwarzen Bergen sehen wir in der stockdunklen Nacht nichts, aber die abgrundtief weit unter dem Zug leuchtenden Straßen- und Ortslichter und der Sternenhimmel darüber haben auch so einen immensen Wow-Faktor.
Die Zugfahrt geht so: im Gang stehen und quatschen und fotographieren, ins Abteil gehen und quatschen, Nickerchen machen, in den Gang gehen und quatschen, aus dem Fenster gucken, quatschen, 2 Stunden in der Pampa auf einem Bahnhofsgleis stehen bzw. rumlatschen und quatschen, im Abteil sitzen und quatschen, Doppelkopfrunde zusammensuchen, Ort zum Doppelkopfspielen suchen, Doppelkopf spielen, im Gang stehen und quatschen, Nickerchen machen, im Abteil sitzen und quatschen, im Gang stehen und aus dem Fenster gucken, quatschen - und als man eigentlich schon nicht mehr wirklich daran glaubte und sich ganz auf ein Leben im Zugwaggon eingerichtet hatte, sind wir dann doch am Bahnhof in Podgorica angekommen.
Keiner hat Lust darauf, in einen Bus umzusteigen - man hatte sich so gut im Zug eingelebt. Und offenbar zu Recht: die enge Bergstraße ist nicht wirklich breit genug für zwei Fahrzeuge, leider kommen aber immer wieder LKWs entgegen. Bis Busse und LKW aneinander vorbei sind dauert es jedes Mal so seine Zeit. Und dann, irgendwann, die montenegrinisch-albanische Grenze. Mit allen Schikanen. Naja - vielleicht nicht alle, wer weiß, was die noch in petto gehabt hätten. Obwohl auf dem Schild am Zollgebäude so lustig "Hanni und Nanni" (oder "Hoti und Moti" oder so ähnlich) stand, ist es nicht wirklich lustig.
Ein Haufen übermüdeter und hungriger Serben, Albaner und Deutsche, insgesamt über 100 Menschen, warten wir über eine Stunde darauf, dass die Grenzer genug gespielt haben und uns weiterfahren lassen.
Caroline hat die schöne Idee, dass bei der Passrückgabe dezent für jeden von uns ein Trinkgeld eingelegt sei - das ist dann schon im ziemlich "fortgeschrittenen Stadion".

Ankunft im Peace Village der Caritas gegen Mitternacht. Schön ist noch der zum Gepäcktransporter umfunktionierte Krankenwagen, weniger schön die Holzhütten auf Jugendlagerniveau. Nach der überlangen Reise heißt es da Zähne aufeinander beißen, obwohl sie seit Stunden aufgrund totaler Übermüdung klappern. Die schlaffe Schaumstoffmatratze auf den Boden gelegt wird schlafen hoffentlich irgendwie möglich sein, und um 2:00 Uhr ist Licht aus in der Jugendbaracke.


Wort des Tages: "Ich find's grade grenzwertig" (Sabine an der montenegrinisch-albanischen Grenze)

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