Samstag, 18. Oktober 2008

Novi Sad (Samstag)

Die hoteleigene Technodisse wummert den Beat durch alle Ohrenstopfen und treibt meinen Puls auf über 100 bpm - die Nacht ist alles andere als erholsam und sowieso viel zu kurz.
Das Frühstück ist kulinarisch bestenfalls interessant, aber in netter Gesellschaft und danach bis zum Probenbeginn noch über eine Stunde Zeit, bei schönem Wetter und ziemlicher Wärme durch die Innenstadt Novi Sads zu laufen.
Sobald man von der schmucken Fußgägerzone in die Seitenstraßen abbiegt, verändert sich das Bild: runtergekommene Häuser neben fein sanierten (in diesen häufig eine Bank, z.B. die "Banca Intense" oder so ähnlich), hier sind auch ältere und alte Menschen unterwegs, denen man ihr schweres Leben ansieht. Ich krieg das schwer bis gar nicht zusammen mit dem schicken jungen Amüsiervolk, das bei Costa Coffee (ausgerechnet!) umgerechnet 2 Euro für den globalisierten Café Latte hinlegt.
Muß ich mich schämen, dass mir die hübsche Innenstadt gefällt, dass ich dem morbiden Charme der nichtsanierten Häuser erliege, dass ich die unzähligen Hinterhöfe und Passagen malerisch finde? Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das alles einordnen soll - vor wenigen Jahren bebte diese Stadt, als in nächtelangen Bombardierungen die Brücken über die Donau von Natoflugzeugen zerstört wurden, jetzt sieht man fast nichts von Krieg und Zerstörung. Oder sehe nur ich davon nichts? Ich weiß einfach zu wenig über diese Stadt und wie es sein muß, hier zu leben.
Heute morgen auf dem Stadtplan habe ich gesehen, dass Grbavica ein Stadtteil von Novi Sad ist - noch so ein Schock.
Die Übermüdung hilft nicht dabei, das irgendwie klarzukriegen, statt in einem netten "authentischen" Café wird es dann auch noch (wie ich mir tröstend sage aufgrund des Zeitmangels) der Kaffee Togo von Costa und es geht verwirrt zur ersten Probe in die Synagoge. Ich bin früh, es ist noch fast niemand da, und von drinnen klingt die Orchesterprobe für die Bach-Messe. Ein schöner Einstieg, bestärkt durch die Schönheit des Innenraums der Synagoge - und die glasklare Akustik.

Nach der Probe geht es im Pulk durch die Innenstadt, bis ich von dem irgendwie ziellosen Getrödel die Nase voll habe und mich mit Caroline absetze; sie zieht es bald in die Seitengassen, ich will dringend zur Donaubrücke, über die wir in der Nacht zuvor in die Stadt hereingefahren sind. Nach ein bisschen Rumsuchen finde ich sie auch - und wo ich jetzt schon hier bin, zieht es mich auf die andere Seite, in das kleine Städtchen unterhalb der Festung, das mich gestern Nacht beim Durchfahren schon fasziniert hat. Statt Mittagessen also eine Stunde Laufen durch schmale pittoreske Gassen und dann noch auf die Festung; der Serbe liebt die Beschallung, völlig verschärft ist Madonna im Treppentunnel hoch aufs Festungsplateau.

Ziemlich gerädert wieder im Hotel angekommen bräuchte ich dringend einen Mittagsschlaf, aber dieses Bett oder das miese Feng Shui des Hotelzimmers oder was weiß ich läßt mich wieder kein Auge zutun, obwohl ich total alle bin. Vielleicht tut der Hunger sein übriges...

Die Probe am Nachmittag ist eine Katastrophe: der Tallis geht gar nicht; es ist unglaublich, un-glaub-lich, wie die Intonation der Chöre absackt; die Einsätze gehen auch so ziemlich alle schief, die Albaner sind kaum mal dabei - absolut gruselig. Panik greift um sich - oder ergreift nur mich? Hat sich was mit der Völkerverständigung - wenn Blicke töten könnten, gäbe es jetzt ein paar albanische Sänger(innen) weniger! Friedrun sagt, man sähe mir deutlich an, wie ich leide, und ich bemühe mich um unbewegtere Gesichtszüge.

Irgendwie geht auch das vorbei; beim Abendbrot lande ich an einem sehr netten Tisch, die Stimmung ist trotz der versemmelten Probe - oder gerade deswegen? Galgenhumor? - gut.
Merkwürdig nur, dass Deutsche und Albaner vom Hotel strikt getrennt plaziert werden - wir wollen uns an einen "albanischen" Tisch setzen, werden aber mit aufgeregtem Händeklatschen vom Ober vertrieben. Bitte warum genau? Haben die Angst, dass wir uns bei Tisch die Köpfe einschlagen?

Nach dem Essen gibt es ein Woandershin-Walking mit ca. 12 Leuten - in deren schon am gestrigen Abend besuchte Stammkneipe von Novi Sad. Ich bin so durch, dass ich statt eines Glases Rotwein eine Flasche bestelle, was besonders deswegen blöd ist, als es nicht der von mir auf der Karte gezeigte lokale Cabernet Sauvignon ist, sondern ein Chilenischer Merlot. ("Wenn Merlot getrunken wird, gehe ich!") Na super. Egal, es wird offenbar getrunken, was auf den Tisch kommt und irgendwann isses dann ja auch wurscht - Merlot, Schmerlot, Hauptsache Rotwein und dazu rauchen dürfen. Um 22:00 Uhr dreht der DJ auf, wir schreien uns noch ein bisschen die Stimmbänder wund und zu einer durchaus noch vertretbaren Zeit lande ich wieder in meinem Hotelbett in der Hoffnung, mein Schlafdefizit auszugleichen und sehr beschwingt von einem Tag voller Eindrücke und Musik und Gesprächen.


Wort des Tages: "Auch dieser serbische Cabernet ist ein chilenischer Merlot." (Bettina über die zweite Rotweinflasche.)

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