Dienstag, 21. Oktober 2008

Shkodra (Dienstag)

Höhere Mächte haben ein Einsehen und Erbarmen und die Chorprobe heute Vormittag abgesagt. Den Bus nach Shkodra downtown um 10:30 Uhr lasse ich ohne mich fahren und schleppe mich erst gegen 11:00 Uhr zum Frühstück.
So schön die Chorreise überraschenderweise tatsächlich ist - ein Raubbau an der Gesundheit ist sie ebenfalls. Viel rauchen (ist ja vor allem gut, wenn man viel singt), viel trinken, die Nahrungsaufnahme dafür im wesentlichen eingestellt, keine Nacht auch nur halbwegs genug geschlafen - ich bin in 5 Tagen um ebenso viele Jahre gealtert.
Daher ist der heutige Vormittag der Erholung gegönnt. Es ist wonnig warm, mediterran, das Barackenlager (oder auch: Peace Village) liegt sehr schön im Grünen gegenüber der Stadt (und mal wieder einer Burg) auf einem Hügel, und so mache ich mich mit meinem Ipod auf zu einem Spaziergang und ein bißchen Alleinsein. Vor dem Mittagessen bleibt dann sogar noch eine halbe Stunde Zeit, um auf den Stufen der Hütte mal wenigstens ein paar Seiten zu lesen und sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen. Herrlich! Bin ein neuer Mensch - und kann vielleicht tatsächlich nochmal singen heute abend.

Nach dem Mittagessen geht es in Konzertkleidung zur kurzen Probe in die Kathedrale. Ja, Kathedrale, und zwar wirklich: riesengroß! Und ein unglaublicher Hall. Der Chor hat seit 5 Sekunden die Münder geschlossen - und kann sich immer noch hören.
Der Tallis ist - was Wunder - wieder ein einziges Rumgeeiere, und auch der Bach ist nur Klangbrei.

Nach der Probe ist Zeit, doch noch Shkodra downtown kennenzulernen. Diejenigen, die es schon am Vormittag in die Stadt geschafft haben, erzählten ganz angetan von der quirligen Innenstadt und schwärmten von schöner Atmosphäre und netten Leuten. Ich bin nicht begeistert: um 17:00 Uhr am Dienstag nachmittag ist die Stadt tot; wenige Machomänner, die aggressiv glotzen bzw. im Potenzimponiergang durch die Gegend watscheln sind unterwegs. Außer uns 3 kein weibliches Wesen nirgends. Sieht man ein halbwegs nett aussehendes Café, kann man sicher sein, dass nur Männer drin sitzen. Das Städtchen wirkt auf mich nur bedrückend und deprimierend: bitter arm, wie ausgestorben - und dann noch diese Männermackermachokultur, die mir ohne Ende auf die Eier geht.
Fast verlaufen wir uns auf dem Rückweg, aber dann schaffen wir's doch 10 Minuten vor Konzertbeginn in die Kathedrale zurück (mittlerweile, kurz vor 19:00 Uhr sind auch die Geschäfte wieder geöffnet und die Straßen beleben sich zunehmend) - und die riesige hangarartige Kathedrale ist tatsächlich voll mit Publikum!

Das Konzert ist so lala, was aber irgendwie o.k. ist, weil sowieso ein ständiges Raunen, Kommen und Gehen herrscht (jetzt seitens des Publikums, der Chor bleibt schon brav da). Ich find's in Ordnung, das nimmt den Druck - was wir singen ist mehr so`n unverbindliches Angebot, wer's nicht mag, geht halt oder unterhält sich ein bisschen. Oder bohrt in der Nase, wie der Bischof, der mit zwei anderen katholischen Würdenträgern auf Ehrenplätzen im Mittelgang sitzt.
Die Kathedrale war in kommunistischen Zeiten zu einer Turnhalle umfunktioniert - vielleicht rührt daher der Bewegungsdrang des Publikums.

Das einzige Stück, das besser klingt denn je ist der Pärt, den alle Chöre gemeinsam singen. Dem tut die Waberakustik gut, und irgendwie geben sich heute alle damit ein kleines bisschen mehr Mühe, sind alle ein kleines bisschen zärtlicher mit der Musik.

Ich bin offenbar schon hinreichend abgestumpft durch das wiederholte Absingen des Programms, jedenfalls geht es mir heute nach dem Konzert besser, und das ist auch gut so, denn heute Abend bricht sich die Völkerverständigung endgültig Bahn - die Albaner schmeißen eine Party mit Zigeunermusik und Techno-DJ; der serbische Chor reist um 7:00 Uhr ab, wir müssen gegen 2:30 Uhr los, und bis dahin wird erst getanzt und dann gesungen. Ein großer, großer Spaß und eine wahre Freude.

Worte des Tages:"This salad made of garbage" (Dunja über den ewigen Krautsalat im Hotel in Novi Sad) und "Visa and I..."(Gerhard)

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