Mit der Beschreibung von Lesen als eine Form der Selbstentrückung meine ich keineswegs, daß ich Lesen als Eskapismus betrachte oder betreibe. Ganz das Gegenteil ist der Fall: Lesen ist (m)eine Art der Weltaneignung - was aber bedeutet, daß ich mich beim Lesen genau nicht mit mir, sondern mit der Welt auseinandersetze; insofern also ist es eine Befreiung vom Kreisen um das eigene kleine begrenzte Selbst mit seinem Weltausschnittchen.
Lesen bedeutet, neues kennenzulernen, sich mit anderen als den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen, im besten Fall Neues über die Welt lernen, im allerbesten Fall Horizonterweiterung oder gar Epiphanie. Meine etwas grobe Formel: Literatur ist Philosophie plus Kunst bedeutet genau nicht, lesen als Weltflucht zu benutzen.
Diese Art der Auseinandersetzung bedeutet, natürlich, die Auseinandersetzung in einem geschützten, alles andere als unmittelbarem Raum: wie durch eine Milchglasscheibe beobachtend bin ich davor gefeit, tatsächlich selber involviert und verletzt zu werden. Schmerz und Leid mögen emphatisch getriggert werden, aber es bleibt ein gefilterter Widerhall eigenen Erlebens; Anna Karenina wirft sich vor den Zug - ich lebe ruhig weiter; Effie Briest geht zugrunde - auch das beeinträchtigt meinen Gefühlshaushalt nicht nachhaltig. Schmerz und Leid der Romanfiguren sind letztlich nicht meine.
Aber, dennoch: ich habe doch etwas erfahren durch das Lesen dieser Romane; meine Weltsicht - und damit meine Welt! - hat sich doch verändert, mein Gedanken- und Gefühlsgefüge ist doch nicht dasselbe wie vor der Lektüre?
Samstag, 29. November 2008
Freitag, 28. November 2008
Waltz with Bashir

Ein Hammerfilm. Optisch das brillianteste, was ich in den letzten Monaten gesehen habe, absolut umwerfend, manche Bilder und Sequenzen absolut hypnotisch - man kann sich überhaupt nicht entziehen. Ein rasanter Soundtrack, der stellenweise fast manische Energie in den Film und den Zuschauer pumpt. Zum Teil sehr dicht an "Apocalypse Now", sowohl in den fast mythisch überhöhten Bildern als auch in der Darstellung des durch und im Krieg entstehenden Irrsinns.
Mich hat der Film mindestens erschüttert, eigentlich eher verstört, und das nachhaltig - der Tag danach war wie überschattet, viele Bilder zucken mir jetzt noch, Tage später, durch den Kopf und lassen mich innehalten.
Montag, 24. November 2008
Lesen ist wie Atmen
bzw. das tägliche Wort ist wichtiger als das tägliche Brot, daher ja auch der Blogname. Um im ersten Bild zu bleiben: ich halte seit 5 Wochen die Luft an, denn in den letzten 5 Wochen habe ich ein einziges Buch gelesen. Eines! In 5 Wochen! Normalerweise halte ich soviel Eigenrealität gar nicht aus, daß ich so wenig lesen könnte. Vielleicht bin ich im Moment einfach mit Selberleben ausgelastet, anstrengend, aber schön und gut. Vielleicht fehlt mir aber auch komplett die zum Lesen nötige innere Ruhe. Nicht so schön und gut - Luftanhalten ist auf Dauer hirnschädigend.
Mittwoch, 19. November 2008
Scheiß-Fußball, Scheiß-Hools, Scheiß-Testosteron-Scheiße
Was ich zur Fußball-WM befürchtet hatte, was aber damals glücklicherweise nie eingetreten ist (oder nur von mir nicht erlebt wurde?), die Kleinhölle hatte ich heute zu dem scheiß Fußballspiel Deutschland-England: auf dem überquellenden U-Bahngleis am Zoo schon grölende und schreiende Besoffene, Polizei und BVG-Wachleute mit fetten Schäferhunden ohne Ende, aggressive üble Stimmung, eine sardinenbüchsenvollgequetschte U-Bahn mit diesen sympathischen Zeitgenossen, und dann am Ernst-Reuter-Platz die endgültig dampfende Kacke: rennende, schreiende und prügelnde Horden, vier prügeln auf einen Mann ein, dem läuft das Blut über den Nacken, keiner geht dazwischen (ich auch nicht, Ausrede: bin mittendrin in der Sardinenbüchse) - was genau machen diese Fritzen in BVG-Leibchen auf dem Gleis eigentlich? - die ganze U-Bahn vollgestopft mit Leuten, und wie wahnsinnig schnell die Luft in so einem vollgepackten Waggon verbraucht ist!
Was tun - aussteigen und dieser Scheiße entkommen und evtl. mittenrein geraten in die Gewalthandlungen oder die Klaustrophobie bekämpfen - wobei unklar ist, ob die Prügelnden nicht auch in diesen Waggon einsteigen oder von außen einfach mal dreinhauen. Die U-Bahn steht mind. 8 Minuten, gefühlte 28, am Ernst-Reuter-Platz, bevor es weitergeht.
Meine Waggonecke bleibt dankenswerterweise recht gefaßt, Engländer und Deutsche, aber leichte Panik kommt doch auf, und in Fremdhirnen geht dann auch so mancher Mist drunter und drüber und quillt aus dem Mund: "alles rund um die Uhr mit Kameras überwachen!"
An der Deutschen Oper nix wie raus.
Scheißescheißescheiße.
Was tun - aussteigen und dieser Scheiße entkommen und evtl. mittenrein geraten in die Gewalthandlungen oder die Klaustrophobie bekämpfen - wobei unklar ist, ob die Prügelnden nicht auch in diesen Waggon einsteigen oder von außen einfach mal dreinhauen. Die U-Bahn steht mind. 8 Minuten, gefühlte 28, am Ernst-Reuter-Platz, bevor es weitergeht.
Meine Waggonecke bleibt dankenswerterweise recht gefaßt, Engländer und Deutsche, aber leichte Panik kommt doch auf, und in Fremdhirnen geht dann auch so mancher Mist drunter und drüber und quillt aus dem Mund: "alles rund um die Uhr mit Kameras überwachen!"
An der Deutschen Oper nix wie raus.
Scheißescheißescheiße.
The Road Home

Eine meiner englischen Kolleginnen sagte vor einigen Jahren "Rose Tremain can do anything", und ich war ihrer Meinung. Bis zu diesem Buch, das enttäuscht. Rose Tremain schafft es nicht, der doch mittlerweile zu beliebig gewordenen Geschichte vom ostischen/russischen Einwanderer, der versucht, in London eine Existenzgrundlage und vielleicht sogar ein neues Leben aufzubauen, neue und interessante Aspekte hinzuzufügen. So wunderschön die ersten beiden Kapitel geschrieben sind, so prägnant dort die totale Entfremdung bei der Ankunft in London beschrieben wird und die Weltverlorenheit angesichts einer fremden Sprache, die man zu sprechen meint, in der man sich aber doch nicht zu verständigen vermag, so sehr läßt die Dichte an Sprache und Gedanken dann nach, als hätte die Idee nicht getragen für einen ganzen Roman. Die Verlorenheit Levs wird nicht nur durch sein Leben in der Fremde begründet, sondern mehr noch durch den nicht verschmerzten Tod seiner Frau - aber es paßt nicht, es wird nicht schlüssig, es überwiegt zu sehr das Klischeebild des verlorenen, ausgebeuteten Ausländers. Lev ist und bleibt ein Opfer, so sehr das Buch sich bemüht, ihm selber Verantwortung oder eigenes Versagen zuzuschreiben - es gelingt nicht. Und das ist vermutlich die Crux: die Protagonisten in allen vorangegangenen Romanen Rose Tremains waren alles, nur keine Opfer, sondern höchst eigenwillige und fast schon autistisch autarke Charaktere - und als solche brilliant und völlig überzeugend gestaltet. Ein Opfer aber als Hauptperson - das kann Frau Tremain nicht. Das Innenleben eines solchen Charakters ist einfach nicht interessant und facettenreich genug, um Rose Tremains sonst so kraftvolle und eigenwillige Sprache zum Glänzen zu bringen, und fast scheint es beim Lesen, als fände die Autorin selber ihre Schöpfung Lev zu langweilig, um sich Mühe mit ihm zu geben.
Mittwoch, 12. November 2008
Mehr vom dualen System
Wie spannend, wenn die von mir so oft getrennt wahrgenommenen Systeme Körper/Seele (obwohl die Seele ja bereits so ziemlich abgeschafft ist mit ihrer inhärenten Transzendenz und man dieses von mir gemeinte Konzept heute vermutlich gemeinhin eher "Psyche", bestenfalls noch "Geist" nennt) plötzlich in eins zusammengekloppt werden, dieser Schlupf zwischen beiden verschweißt wird! Wenn man z.B. aufgrund einer zu vehementen Vollbremsung über den Fahrradlenker geht und sich Sekunden später (meine einzige Filmrißerfahrung soweit) auf der Straße sitzend wiederfindet, ist das ein erholsam ganzheitliches Erlebnis. Geradezu katharsisch.
Zumal mir mit mehr Glück als Verstand nichts passiert ist außer einem quasimodohaft (quasimodAhaft?) aufgequollenem Jochbein und blauen Flecken.
Zumal mir mit mehr Glück als Verstand nichts passiert ist außer einem quasimodohaft (quasimodAhaft?) aufgequollenem Jochbein und blauen Flecken.
Montag, 10. November 2008
Ein Quentchen Trost
Dieser Bond-Film kommt gänzlich handlungsbefreit daher, was mich ein bißchen erschüttert, immerhin ist das Drehbuch von Paul Haggis. Statt Handlung minutenlang Schnitte im Halbsekundentakt (ich habe mitgezählt), so daß man jede Orientierung im gefilmten Raum und jeden Handlungszusammenhang verliert, selbst wenn die Handlung nur eine Prügelei ist. Wer jagt hier wen, wer greift gerade nach der Knarre, was geht hier grade überhaupt ab? Wie so oft bereits gesagt wurde: ein gänzlich untypischer Bond-Film, hart, hart und noch härter, und das vor allem optisch: die Bildausschnitte sind hart abgeschnitten, der Schnitt ist brutal hart, der Kontrast so hart, daß die Augen tränen. Der Optik nach ist der Film ein Comic, nur, irritierenderweise, mit realen Schauspielern.
Der bislang mit Abstand überzeugendste Interpretationsansatz (nicht von mir): die Bond-Filme haben sich endgültig vom Inhalt emanzipiert; es geht nur mehr um die Optik, die Bilder, quasi expressionistisch. Ja, so könnte es sein.
Samstag, 8. November 2008
Herz/Hirn (Innereien)
Die Auflösung des Subjekts habe ich geschrieben in der Hoffnung, daß das Ausformulieren und Festhalten des Gedankengangs mich von ihm befreit. Da ist schon der erste Hackser: warum will ich mich davon befreien? Der zweite Hackser: das Ausformulieren gelingt nicht zu meiner Zufriedenheit. Sofort wieder der mittlerweile leider so abgegriffene, aber so so grundlegende Zweifel: kann ich denken, was ich nicht aussprechen kann? Irgendetwas am Gedachten läßt sich nicht in Worte pressen - aber was? Vermutlich ist das nicht wirklich stringente und klare Denken die Ursache. Gemengelage im Hirn ergibt leider auch ausformuliert keine brilliante Logik. Auch das kein einfacher Gedanke.
Aber zurück zum ersten Hackser: der Gedanke existiert in meinem Hirn - aber auch in meinem Herzen. (Um es mal platt im altbackenen Dualismus zu formulieren, da mir insbesondere für "Herz" gerade kein treffenderer Begriff einfällt.) Mein Hirn ist fasziniert und fängt an, auf dem Knochen herumzukauen. Mein Herz zieht insofern mit, als es sich inhaltlich spontan dem Gedanken anschließt: gefühltes Wissen. Aber: ihm tut der Gedanke gleichzeitig weh.
Hund Hirn redet sich raus mit: ich tu nix, ich will nur spielen. Was gedacht werden kann, wird gefälligst auch gedacht, wo bleibt sonst der sportliche Ehrgeiz. Und so wird auch gerne und ausgiebig auf Sachen rumgedacht, die dem Herzen tiefes Unbehagen oder gar Schmerzen verursachen.
Nun aber: warum gibt es diese Spaltung in der Wahrnehmung? Warum führen in neutraler Neugier gedachte Dinge zu emotionalen Verwerfungen? Und warum läßt man von diesen Gedanken nicht sofort ab, als hätte man sich die Hand an der heißen Herdplatte verbrannt?
Oder so, und das am allerwahrscheinlichsten: denke nie, gedacht zu haben...
Aber zurück zum ersten Hackser: der Gedanke existiert in meinem Hirn - aber auch in meinem Herzen. (Um es mal platt im altbackenen Dualismus zu formulieren, da mir insbesondere für "Herz" gerade kein treffenderer Begriff einfällt.) Mein Hirn ist fasziniert und fängt an, auf dem Knochen herumzukauen. Mein Herz zieht insofern mit, als es sich inhaltlich spontan dem Gedanken anschließt: gefühltes Wissen. Aber: ihm tut der Gedanke gleichzeitig weh.
Hund Hirn redet sich raus mit: ich tu nix, ich will nur spielen. Was gedacht werden kann, wird gefälligst auch gedacht, wo bleibt sonst der sportliche Ehrgeiz. Und so wird auch gerne und ausgiebig auf Sachen rumgedacht, die dem Herzen tiefes Unbehagen oder gar Schmerzen verursachen.
Nun aber: warum gibt es diese Spaltung in der Wahrnehmung? Warum führen in neutraler Neugier gedachte Dinge zu emotionalen Verwerfungen? Und warum läßt man von diesen Gedanken nicht sofort ab, als hätte man sich die Hand an der heißen Herdplatte verbrannt?
Oder so, und das am allerwahrscheinlichsten: denke nie, gedacht zu haben...
Freitag, 7. November 2008
Die Auflösung des Subjekts
Vielleicht ist es das, was das Thema "Identität" für mich so drängend und virulent macht: die gerade stattfindende - oder zumindest beginnende Auflösung des Subjekts.
Nachdem die konventionellen Zwänge und Vorschriften des Erlaubten und Nicht-Erlaubten weitgehend verschwunden sind, geht es nun darum, eigenverantwortlich zu werden, die man ist. (Daß das Postulat "alles ist jedem möglich" so auch nicht den Tatsachen entspricht und, anders formuliert, die Prämisse "jede ist ihres Glückes Schmied" mir insbesondere in dieser geschlechtsspezifischen Form lediglich eine Generalabsolution für gesellschaftliche Schieflagen zu sein scheint, sei jetzt mal dahingestellt.)
Diese von allen äußeren und inneren Lebensrahmenbedingungen losgelöste Verantwortung ist an und für sich ja schon eine reichliche Last: wer ist man denn?
Aber jetzt kommt hinzu, daß von diversen Seiten eben dieses sich selbst verwirklichende und immerzu zwanghaft (weil nicht unbedingt intrinsisch motiviert) aktiv handelnde und sich selbst bestimmende Subjekt erodiert wird: die neurologische Forschung zerlegt es in biochemische Prozesse, chemische Stoffe erlauben immer umfassender eine Kontrolle oder gar Änderung des Ichzustands. In wenigen Jahren haben Antidepressiva eine Karriere von mißtrauisch beäugten, irgendwie drogenartigen Substanzen zu lifestyle-Accessoires gemacht, fast auf einem Level mit der Pflege des Körpers durch den regelmäßigen Gang ins Fitness-Studio. Warum einen sperrenden psychischen Zustand aushalten, wenn man ihn ändern kann, ebenso wie durch eine andere Droge die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht wird?
Das Subjekt steht zur Disposition: wer bin ich, wenn das Ich sich lediglich über Synapsenfunktionen manifestiert - und diese, also das Selbst, nach Bedarf und Anforderung veränderbar sind? Das Ich erhält eine bedrohliche Beliebigkeit, ja sogar Flüchtigkeit, wenn es allein durch biochemische Prozesse hergestellt wird und nach Bedarf oder Anforderung durch chemische Stoffe veränderbar ist.
Dieser inneren Zerfaserung des Subjekts steht die immer ausuferndere Zurschaustellung der Subjektoberfläche (oder ist es mehr als Oberfläche?) gegenüber, idealerweise ist das Subjekt omnipräsent: ich bin da, also gibt es (m)ein Ich. Ideale Plattform dafür, natürlich: facebook, stayfriends, studivz usw. usw. Oder, auch das, ein Blog.
Diese Ambivalenz von inhaltlicher Auflösung einerseits und Verbreitung, Verfügbarmachen andererseits verursacht mir tiefes Unbehagen. Es hat was von "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" - die technische Verbreitung ist über die Maßen gewährleistet, das Subjekt reproduziert sich ad infinitum, aber analog zur Bildenden Kunst ist die Reproduktion ganz und gar nicht identisch mit dem Originalsubjekt, das selber zunehmend aus dem Blickfeld gerät - oder, um mit Benjamin zu sprechen, seine "Aura" verliert.
Und zwischen diesen Polen: was macht Identität aus? Was bleibt Kern des Subjekts? Bleibt ein Kern? Oder ist die Identität der nächste Selbstbestimmungsspielplatz: nach dem Körper bastele ich mir auch meinen Geist, mein Bewußtsein, mein Ich, wie es mir gefällt. Dann wäre das Subjekt aufgelöst.
Nachdem die konventionellen Zwänge und Vorschriften des Erlaubten und Nicht-Erlaubten weitgehend verschwunden sind, geht es nun darum, eigenverantwortlich zu werden, die man ist. (Daß das Postulat "alles ist jedem möglich" so auch nicht den Tatsachen entspricht und, anders formuliert, die Prämisse "jede ist ihres Glückes Schmied" mir insbesondere in dieser geschlechtsspezifischen Form lediglich eine Generalabsolution für gesellschaftliche Schieflagen zu sein scheint, sei jetzt mal dahingestellt.)
Diese von allen äußeren und inneren Lebensrahmenbedingungen losgelöste Verantwortung ist an und für sich ja schon eine reichliche Last: wer ist man denn?
Aber jetzt kommt hinzu, daß von diversen Seiten eben dieses sich selbst verwirklichende und immerzu zwanghaft (weil nicht unbedingt intrinsisch motiviert) aktiv handelnde und sich selbst bestimmende Subjekt erodiert wird: die neurologische Forschung zerlegt es in biochemische Prozesse, chemische Stoffe erlauben immer umfassender eine Kontrolle oder gar Änderung des Ichzustands. In wenigen Jahren haben Antidepressiva eine Karriere von mißtrauisch beäugten, irgendwie drogenartigen Substanzen zu lifestyle-Accessoires gemacht, fast auf einem Level mit der Pflege des Körpers durch den regelmäßigen Gang ins Fitness-Studio. Warum einen sperrenden psychischen Zustand aushalten, wenn man ihn ändern kann, ebenso wie durch eine andere Droge die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht wird?
Das Subjekt steht zur Disposition: wer bin ich, wenn das Ich sich lediglich über Synapsenfunktionen manifestiert - und diese, also das Selbst, nach Bedarf und Anforderung veränderbar sind? Das Ich erhält eine bedrohliche Beliebigkeit, ja sogar Flüchtigkeit, wenn es allein durch biochemische Prozesse hergestellt wird und nach Bedarf oder Anforderung durch chemische Stoffe veränderbar ist.
Dieser inneren Zerfaserung des Subjekts steht die immer ausuferndere Zurschaustellung der Subjektoberfläche (oder ist es mehr als Oberfläche?) gegenüber, idealerweise ist das Subjekt omnipräsent: ich bin da, also gibt es (m)ein Ich. Ideale Plattform dafür, natürlich: facebook, stayfriends, studivz usw. usw. Oder, auch das, ein Blog.
Diese Ambivalenz von inhaltlicher Auflösung einerseits und Verbreitung, Verfügbarmachen andererseits verursacht mir tiefes Unbehagen. Es hat was von "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" - die technische Verbreitung ist über die Maßen gewährleistet, das Subjekt reproduziert sich ad infinitum, aber analog zur Bildenden Kunst ist die Reproduktion ganz und gar nicht identisch mit dem Originalsubjekt, das selber zunehmend aus dem Blickfeld gerät - oder, um mit Benjamin zu sprechen, seine "Aura" verliert.
Und zwischen diesen Polen: was macht Identität aus? Was bleibt Kern des Subjekts? Bleibt ein Kern? Oder ist die Identität der nächste Selbstbestimmungsspielplatz: nach dem Körper bastele ich mir auch meinen Geist, mein Bewußtsein, mein Ich, wie es mir gefällt. Dann wäre das Subjekt aufgelöst.
Aggro Berlin
5 Tage die Sonne nicht gesehen. Schlimmer: 5 Tage in ständiger Dämmerung verbracht - es wurde gar nicht richtig hell. Und schon ist festgeklebt in meinem Hirn die Endlosschleife: "Dickes B oben an der Spree, im Sommer tust Du gut und im Winter tuts weh!"
Und dabei hat der Winter noch nicht einmal angefangen...
Und dabei hat der Winter noch nicht einmal angefangen...
Mittwoch, 5. November 2008
Viva Berlin
Wieder eine Nacht fast nicht geschlafen. Wie kann ein so schweres Herz dermaßen rasen?
Egal - nachdem die BVG sich meine Sympathien weitestgehend dadurch verscherzt hatte, daß sie meine abendliche Direktanbindung an Kreuzberg (die U12) geknickt hat, hat sie heute wieder deutlich Punkte gewonnen: ein Notfalleinsatz unterbrach die U2 zwischen Oologischem Garten (danke, Bettina!) und Gleisdreieck - und sofort waren Ersatzbusse ab Zoo im Einsatz. Hut ab.
So richtig schön berlin war dann der saucoole Bus/U2Ersatz-Fahrer mit seinem schnoddrigen scheißegal-Tonfall auf hysterische Fragen: "ich fahr jetzt bis Gleisdreieck, anders geht's ja nich"; und auf mein zugegebenermaßen reichlich dämliches "wann ungefähr fahren Sie los?" gänzlich lapidar: "gleich".
Hurrah! Viva Berlin!
Egal - nachdem die BVG sich meine Sympathien weitestgehend dadurch verscherzt hatte, daß sie meine abendliche Direktanbindung an Kreuzberg (die U12) geknickt hat, hat sie heute wieder deutlich Punkte gewonnen: ein Notfalleinsatz unterbrach die U2 zwischen Oologischem Garten (danke, Bettina!) und Gleisdreieck - und sofort waren Ersatzbusse ab Zoo im Einsatz. Hut ab.
So richtig schön berlin war dann der saucoole Bus/U2Ersatz-Fahrer mit seinem schnoddrigen scheißegal-Tonfall auf hysterische Fragen: "ich fahr jetzt bis Gleisdreieck, anders geht's ja nich"; und auf mein zugegebenermaßen reichlich dämliches "wann ungefähr fahren Sie los?" gänzlich lapidar: "gleich".
Hurrah! Viva Berlin!
Dienstag, 4. November 2008
Burn After Reading
Die können's einfach. Man weiß sich jede Minute in den besten Händen, wenn man diesen Film sieht - große Klasse. Was man leicht übersieht, weil der Film einfach so ein Riesenspaß ist (s. Bild) - aber anders als "Intolerable Cruelty", der das mit der Screwball Comedy nicht so wirklich gut hinkriegte, eine absolut runde Sache. George Clooney nervt, aber das dürfte meine Minderheitenmeinung sein und bleiben. Der ganze Film hat sich schon gelohnt für den Satz der für multiple Schönheits-OPs Schulden machenden Linda: "I've come as far as I could with this body, I can't go any further with it" - kenn ich! (Ist schon ne Weile her, dass ich den Film gesehen habe, aber nachdem mir aufging, dass ich einige der brilliantesten Filme dieses Jahres überhaupt nicht erwähnt habe - z.B. "I'm not there" oder "No Country for Old Men" packte mich die Blogger- bzw. Vergessenspanik.)
Samstag, 1. November 2008
Wall.e (oder so ähnlich)
Toller Anfang, unendlich viele Filmzitate (wär ja fast mal ne Erholung, einen Film ohne Panzerkreuzer-Potemkin-Zitat zu sehen), optisch streckenweise großes Kino - aber voll die emotionale Vergewaltigung. Mit aller Macht wird auf die Tränendrüse gedrückt - nee danke, ohne mich, mich kriegt ihr nicht so billig.
Und, nebenbei: die "Beziehung" (ha!) zwischen Wall.e (oder so ähnlich) und Eva (omyGod, mußte DAS wirklich auch noch sein??) ist ziemlich krank.
Und, nebenbei: die "Beziehung" (ha!) zwischen Wall.e (oder so ähnlich) und Eva (omyGod, mußte DAS wirklich auch noch sein??) ist ziemlich krank.
Abonnieren
Posts (Atom)