Vielleicht ist es das, was das Thema "Identität" für mich so drängend und virulent macht: die gerade stattfindende - oder zumindest beginnende Auflösung des Subjekts.
Nachdem die konventionellen Zwänge und Vorschriften des Erlaubten und Nicht-Erlaubten weitgehend verschwunden sind, geht es nun darum, eigenverantwortlich zu werden, die man ist. (Daß das Postulat "alles ist jedem möglich" so auch nicht den Tatsachen entspricht und, anders formuliert, die Prämisse "jede ist ihres Glückes Schmied" mir insbesondere in dieser geschlechtsspezifischen Form lediglich eine Generalabsolution für gesellschaftliche Schieflagen zu sein scheint, sei jetzt mal dahingestellt.)
Diese von allen äußeren und inneren Lebensrahmenbedingungen losgelöste Verantwortung ist an und für sich ja schon eine reichliche Last: wer ist man denn?
Aber jetzt kommt hinzu, daß von diversen Seiten eben dieses sich selbst verwirklichende und immerzu zwanghaft (weil nicht unbedingt intrinsisch motiviert) aktiv handelnde und sich selbst bestimmende Subjekt erodiert wird: die neurologische Forschung zerlegt es in biochemische Prozesse, chemische Stoffe erlauben immer umfassender eine Kontrolle oder gar Änderung des Ichzustands. In wenigen Jahren haben Antidepressiva eine Karriere von mißtrauisch beäugten, irgendwie drogenartigen Substanzen zu lifestyle-Accessoires gemacht, fast auf einem Level mit der Pflege des Körpers durch den regelmäßigen Gang ins Fitness-Studio. Warum einen sperrenden psychischen Zustand aushalten, wenn man ihn ändern kann, ebenso wie durch eine andere Droge die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht wird?
Das Subjekt steht zur Disposition: wer bin ich, wenn das Ich sich lediglich über Synapsenfunktionen manifestiert - und diese, also das Selbst, nach Bedarf und Anforderung veränderbar sind? Das Ich erhält eine bedrohliche Beliebigkeit, ja sogar Flüchtigkeit, wenn es allein durch biochemische Prozesse hergestellt wird und nach Bedarf oder Anforderung durch chemische Stoffe veränderbar ist.
Dieser inneren Zerfaserung des Subjekts steht die immer ausuferndere Zurschaustellung der Subjektoberfläche (oder ist es mehr als Oberfläche?) gegenüber, idealerweise ist das Subjekt omnipräsent: ich bin da, also gibt es (m)ein Ich. Ideale Plattform dafür, natürlich: facebook, stayfriends, studivz usw. usw. Oder, auch das, ein Blog.
Diese Ambivalenz von inhaltlicher Auflösung einerseits und Verbreitung, Verfügbarmachen andererseits verursacht mir tiefes Unbehagen. Es hat was von "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" - die technische Verbreitung ist über die Maßen gewährleistet, das Subjekt reproduziert sich ad infinitum, aber analog zur Bildenden Kunst ist die Reproduktion ganz und gar nicht identisch mit dem Originalsubjekt, das selber zunehmend aus dem Blickfeld gerät - oder, um mit Benjamin zu sprechen, seine "Aura" verliert.
Und zwischen diesen Polen: was macht Identität aus? Was bleibt Kern des Subjekts? Bleibt ein Kern? Oder ist die Identität der nächste Selbstbestimmungsspielplatz: nach dem Körper bastele ich mir auch meinen Geist, mein Bewußtsein, mein Ich, wie es mir gefällt. Dann wäre das Subjekt aufgelöst.
Freitag, 7. November 2008
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