
Eine meiner englischen Kolleginnen sagte vor einigen Jahren "Rose Tremain can do anything", und ich war ihrer Meinung. Bis zu diesem Buch, das enttäuscht. Rose Tremain schafft es nicht, der doch mittlerweile zu beliebig gewordenen Geschichte vom ostischen/russischen Einwanderer, der versucht, in London eine Existenzgrundlage und vielleicht sogar ein neues Leben aufzubauen, neue und interessante Aspekte hinzuzufügen. So wunderschön die ersten beiden Kapitel geschrieben sind, so prägnant dort die totale Entfremdung bei der Ankunft in London beschrieben wird und die Weltverlorenheit angesichts einer fremden Sprache, die man zu sprechen meint, in der man sich aber doch nicht zu verständigen vermag, so sehr läßt die Dichte an Sprache und Gedanken dann nach, als hätte die Idee nicht getragen für einen ganzen Roman. Die Verlorenheit Levs wird nicht nur durch sein Leben in der Fremde begründet, sondern mehr noch durch den nicht verschmerzten Tod seiner Frau - aber es paßt nicht, es wird nicht schlüssig, es überwiegt zu sehr das Klischeebild des verlorenen, ausgebeuteten Ausländers. Lev ist und bleibt ein Opfer, so sehr das Buch sich bemüht, ihm selber Verantwortung oder eigenes Versagen zuzuschreiben - es gelingt nicht. Und das ist vermutlich die Crux: die Protagonisten in allen vorangegangenen Romanen Rose Tremains waren alles, nur keine Opfer, sondern höchst eigenwillige und fast schon autistisch autarke Charaktere - und als solche brilliant und völlig überzeugend gestaltet. Ein Opfer aber als Hauptperson - das kann Frau Tremain nicht. Das Innenleben eines solchen Charakters ist einfach nicht interessant und facettenreich genug, um Rose Tremains sonst so kraftvolle und eigenwillige Sprache zum Glänzen zu bringen, und fast scheint es beim Lesen, als fände die Autorin selber ihre Schöpfung Lev zu langweilig, um sich Mühe mit ihm zu geben.
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