Mit der Beschreibung von Lesen als eine Form der Selbstentrückung meine ich keineswegs, daß ich Lesen als Eskapismus betrachte oder betreibe. Ganz das Gegenteil ist der Fall: Lesen ist (m)eine Art der Weltaneignung - was aber bedeutet, daß ich mich beim Lesen genau nicht mit mir, sondern mit der Welt auseinandersetze; insofern also ist es eine Befreiung vom Kreisen um das eigene kleine begrenzte Selbst mit seinem Weltausschnittchen.
Lesen bedeutet, neues kennenzulernen, sich mit anderen als den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen, im besten Fall Neues über die Welt lernen, im allerbesten Fall Horizonterweiterung oder gar Epiphanie. Meine etwas grobe Formel: Literatur ist Philosophie plus Kunst bedeutet genau nicht, lesen als Weltflucht zu benutzen.
Diese Art der Auseinandersetzung bedeutet, natürlich, die Auseinandersetzung in einem geschützten, alles andere als unmittelbarem Raum: wie durch eine Milchglasscheibe beobachtend bin ich davor gefeit, tatsächlich selber involviert und verletzt zu werden. Schmerz und Leid mögen emphatisch getriggert werden, aber es bleibt ein gefilterter Widerhall eigenen Erlebens; Anna Karenina wirft sich vor den Zug - ich lebe ruhig weiter; Effie Briest geht zugrunde - auch das beeinträchtigt meinen Gefühlshaushalt nicht nachhaltig. Schmerz und Leid der Romanfiguren sind letztlich nicht meine.
Aber, dennoch: ich habe doch etwas erfahren durch das Lesen dieser Romane; meine Weltsicht - und damit meine Welt! - hat sich doch verändert, mein Gedanken- und Gefühlsgefüge ist doch nicht dasselbe wie vor der Lektüre?
Samstag, 29. November 2008
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen