Freitag, 17. Oktober 2008

Berlin - Belgrad - Novi Sad (Freitag)

Merkwürdig, ohne Ticket zum Flughafen zu fahren, ich fühl mich wie ein Kind, das mit Erwachsenen verreist und selber keine Verantwortung zu tragen braucht. Nicht dringend ein angenehmes Gefühl, einhergehend mit leichter Skepsis, wie ich es ertragen werde, 5 Tage nonstop mit Menschen zusammenzusein. Die letzte ähnliche Situation ist über 10 Jahre her und führte am 2. Tag zu Migräne.
Treffpunkt 17:15 in Tegel - der Check-in ist in einem Wurmfortsatz des Hauptgebäudes; man fliegt offenbar in merkwürdige Gegenden.
Knapp 1,5 Stunden später sind die ersten - ungefähr die Hälfte der Choristen, Musiker und Solisten - bereits ins Flugzeug eingestiegen, als sich am Gate diffus Unruhe breitmacht, weil immer noch einige draußen am Check-in stehen. Es stellt sich heraus, dass das Gepäckband seit einer Stunde (in Zahlen: 1 Stunde!) stillsteht. Diejenigen, die noch nicht ins Flugzeug eingestiegen sind bzw. die ihr Gepäck noch auf dem Gepäckband sehen, gehen durch die Security zurück, zerren ihr Gepäck vom stillstehenden Band, schleppen es zum Sperrgepäckschalter, werden dort angepflaumt, man solle jetzt aber gefälligst schnell zum Gate gehen (!? Hallo!? Wollte ich mein Gepäck durch die Gegend schleppen, habe ich das mit dem Gepäckband versemmelt?) und rennen wieder zurück zum Gate - nochmal Wasser wegkippen, nochmal Taschen leeren, nochmal Gürtel ausziehen. Lustig ist, dass beim ersten Mal der Metalldetektor nicht anschlug, jetzt aber sehr wohl und Stiefel und noch mehr auch runter müssen.
Die ganze Aktion hat immerhin schonmal für Kontakt zwischen Solisten und gemeinem Chorvolk gesorgt - und für Mitleid mit den Solisten, die aufgrund ihrer Roben extrem fette Koffer mit sich führen.
Mit ca. 45 Minuten Verspätung hebt das Flugzeug ab, während gemutmaßt wird, wessen Gepäck die größeren Chancen hat, tatsächlich auch in Belgrad anzukommen.
Im Flugzeug herrscht von Seiten des Flugpersonals ein rauher Ton - vermutlich haben die Stewardessen nur widerwillig und unvollständig von sozialistischem Drill Sergeant auf kapitalistische Flugbegleiterin umgeschult.

In Belgrad gelandet fehlen unglücklicherweise tatsächlich 3 Koffer, vermutlich die, die nicht mehr auf der Check-in-Schalter-Seite des Laufbandes zu sehen waren, aber auch noch nicht auf der anderen Seite rausgekommen waren. Danke dafür.

Es wartet der bestellte Bus mitsamt einigen serbischen Choristen als Begleitung auf uns, und als wir kurz vor Mitternacht am Hotel in Novi Sad ankommen, sieht man als erstes Zara, Mexx und Puma, was ich extrem befremdlich finde. Wir steigen in einer Betonwüste aus und gelangen überraschenderweise einmal 50 m um die Ecke biegend in die Innenstadt von Novi Sad. Das Hotel liegt zentralst - als würde man in Berlin am Gendarmenmarkt wohnen.

Der 2 m große und breite Milos/Milan (bis zum Ende herrscht bei den Deutschen Unklarheit über seinen Namen, aber weitgehend Einigkeit über seine Schönheit) führt die noch Hungrigen und Durstigen oder einfach Neugierigen unter uns in die Ausgehgegend von Novi Sad. Die Stadt ist voll mit Amüsiervolk, alles junge Leute, die Kneipen und Bars sind extrem ansprechend und könnten alle genauso in Berlin-Mitte existieren - einen Überraschung nach der anderen!
Erwartet hatte ich eine extrem arme und kaputte Stadt - stattdessen ein Schmuckkästchen von Innenstadt, eine lebhafte und lebendige Atmosphäre, gleichzeitig entspannt. Wenn nur nicht die 1000 Banken überall wären und jeder zweite Laden eine Kette, wie man sie in jedem westeuropäischen Land findet! Es kann doch unmöglich DAS Urbedürfnis aller Menschen sein, bei Office oder Zara einkaufen zu können - zumal sich das in Novi Sad doch sicher nur die Reichen leisten können??

Die für jede Kneipe zu große Gruppe spaltet sich nach einigem Zögern auf (immer diese trägen Gruppenentscheidungen!); ich lande mit Margarete in einer sehr netten Galerie-Kneipe mit Federbildern an der Wand, gutem Bier, sehr netter Bedienung und angenehmen Publikum - und man darf rauchen! Schönes Novi Sad!

Um 2:00 Uhr bin ich im Hotelbett, erschöpft und aufgedreht und ziemlich zufrieden mit dem Tag.

Wort des Tages: "Wir könnten schon in Belgrad sein!" (Margarete im Flugzeug zu den Späteinsteigern)

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