Erstaunlich, wie lange man mit wie wenig Schlaf funktionieren kann. Seit 2 Wochen geht das jetzt, und irgendwie steht man trotzdem jeden Morgen auf und kommt irgendwie durch den Tag.
Wieder nur 3 h geschlafen, wieder um 5 Uhr aufgewacht, wieder mit einem Puls von 100 bpm im Bett gelegen und gedacht: dumußtschlafen dumußtschlafen.
Kann nicht so richtig gesund sein auf die Dauer... das Herz verschleißt sich auch so'n bisschen dabei, könnte ich mir vorstellen.
Aber in Berlin gibt's bestimmt haufenweise Insomnia-Selbsthilfegruppen. Dann ist ja alles in Butter.
Freitag, 31. Oktober 2008
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Analogien / Lornas Schweigen II
Während des ganzen Films sah ich wie in einer Überblendung die Bilder von Francis Bacon vor mir: hier wie dort in Raster gezwungene und voneinander isolierte Einzelwesen, die die Einsamkeit nur in brutal aussehenden Verkeilungen überwinden, die nichts zärtliches oder sanftes haben. So dermaßen dieselbe Optik - und dieselbe Aussage.
Mein geradezu zwanghaft immerzu Analogien herstellendes Hirn ließ mich den Film nicht ohne dieses Drüberblenden wahrnehmen; funktionieren alle Hirne so, dass alles mit allem in Zusammenhang gebracht wird in einem ewigen Abgleichen alles bisher Erfahrenen oder Gedachten? Oder nur meins? Und: wie stellt man das ab? Es ist so anstrengend, wenn der Prozessor immer dermaßen auf Hochtouren läuft.
Mein geradezu zwanghaft immerzu Analogien herstellendes Hirn ließ mich den Film nicht ohne dieses Drüberblenden wahrnehmen; funktionieren alle Hirne so, dass alles mit allem in Zusammenhang gebracht wird in einem ewigen Abgleichen alles bisher Erfahrenen oder Gedachten? Oder nur meins? Und: wie stellt man das ab? Es ist so anstrengend, wenn der Prozessor immer dermaßen auf Hochtouren läuft.
Lornas Schweigen
Wie der Vorgänger "L'Enfant" ein beinharter Film über Menschenleben als Ware. Die erste Einstellung zeigt, wie Geld abgezählt wird und über einen Bankschalter die Hände wechselt, und das ist dann auch ein immer wiederkehrendes, zentrales Bild.
Geld ist bis fast zum Ende des Films das einzige die Personen verbindende Element: es gibt keine zwischenmenschlichen Beziehungen, nur Geld, das den Besitzer wechselt. Lorna hütet, bewahrt und berührt Geld - kaum aber ihre Mitmenschen. Fast ist es, als hätte sie anstelle einer Seele - Geld.
Für die völlige Isolation der Personen findet der Film eine glasklare, zunehmend bedrückende Ästhetik: die Einstellungen sind stets klaustrophobisch dicht an den Personen, fast immer in geschlossenen, engen Räumen, die zusätzlich verengt werden durch optische vertikale oder horizontale teilende Linien: Türrahmen, Fensterrahmen, Änderung der Wandfarbe. Befinden sich einmal zwei Personen gleichzeitig im Bild, werden sie immer durch solche Raster getrennt - überdeutliches Abbild der unüberwindlichen Abgegrenztheit voneinander. Oft verlassen die Personen komplett das Bild - die emotionale Leere wird gänzlich anschaulich; was bleibt, sind die trennenden Linien wie Gitterstäbe.
Ein mitfühlendes, zugewandtes Miteinander gibt es nicht - wird der Abstand z.B. zwischen Lorna und ihrem Scheinehepartner Claudy einmal überwunden, so in einer verzweifelten, krampfähnlichen Verklammerung ineinander, die genauso weit weg ist von menschlicher Nähe und Wärme wie die vorangegangene emotionale Kälte.
Allerdings ist das dann doch die Keimzelle für - im Vergleich - gar nicht so wenig Zugewandheit; wenn Lorna und Claudy das Geld für ein Fahrrad zusammenlegen (zumal bei der aufgeladenen Bedeutung von Geld im Film!) und sie ihm ein Stück lachend hinterherläuft, ist das sehr bewegend.
Geld ist bis fast zum Ende des Films das einzige die Personen verbindende Element: es gibt keine zwischenmenschlichen Beziehungen, nur Geld, das den Besitzer wechselt. Lorna hütet, bewahrt und berührt Geld - kaum aber ihre Mitmenschen. Fast ist es, als hätte sie anstelle einer Seele - Geld.Für die völlige Isolation der Personen findet der Film eine glasklare, zunehmend bedrückende Ästhetik: die Einstellungen sind stets klaustrophobisch dicht an den Personen, fast immer in geschlossenen, engen Räumen, die zusätzlich verengt werden durch optische vertikale oder horizontale teilende Linien: Türrahmen, Fensterrahmen, Änderung der Wandfarbe. Befinden sich einmal zwei Personen gleichzeitig im Bild, werden sie immer durch solche Raster getrennt - überdeutliches Abbild der unüberwindlichen Abgegrenztheit voneinander. Oft verlassen die Personen komplett das Bild - die emotionale Leere wird gänzlich anschaulich; was bleibt, sind die trennenden Linien wie Gitterstäbe.
Ein mitfühlendes, zugewandtes Miteinander gibt es nicht - wird der Abstand z.B. zwischen Lorna und ihrem Scheinehepartner Claudy einmal überwunden, so in einer verzweifelten, krampfähnlichen Verklammerung ineinander, die genauso weit weg ist von menschlicher Nähe und Wärme wie die vorangegangene emotionale Kälte.
Allerdings ist das dann doch die Keimzelle für - im Vergleich - gar nicht so wenig Zugewandheit; wenn Lorna und Claudy das Geld für ein Fahrrad zusammenlegen (zumal bei der aufgeladenen Bedeutung von Geld im Film!) und sie ihm ein Stück lachend hinterherläuft, ist das sehr bewegend.
Dienstag, 28. Oktober 2008
Wildgewordene Bibliothekare (oder Juristen?)
Wenn es nicht so dermaßen bekloppt wäre, daß es in seiner Weltfremdheit geradezu tragisch ist, wäre es zum Schreien komisch: die Deutsche Nationalbibliothek ist jetzt auch verpflichtet, das Internet zu archivieren.
HALLO!?!?
Über welche Tische ist das gelaufen, wieviele Leute haben da geschlafen, wie kann ein dermaßen bescheuertes Gesetz erlassen werden - und vor allem: wie konnte die Deutsche Bibliothek das zulassen? Die Bibliothek kann das nun wahrlich so was von überhaupt gar nicht wollen; auch Serverkapazität kostet Geld, und nicht zu knapp, von dem Migrieren der Daten, um sie überhaupt lesbar zu erhalten, gar nicht zu reden.
Was eine Farce! Bei der Frage, wer das verbockt hat, sehe ich doch mal wieder völlig überalterte Knacker vor mir, denen schon die bewegten Bilder des Fernsehns ein Dorn im Auge sind, von neueren Medien wie Internet mal ganz zu schweigen - so Marke Reich-Ranicki. Wem sonst kann so ein Hirnriß unterlaufen? Erinnert mich doch stark an die Frage beim PC-Kauf: "kann der PC auch die neueste Version vom Internet?".
Bitte gerne: ich werde nach jedem neuen Eintrag mein Blog ausdrucken und an die Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main und Leipzig schicken. Die werden begeistert sein! (Ist allerdings noch nicht raus, ob auch Blogs abgeliefert werden müssen... aber allein diese Überlegung!Darf doch alles nicht wahr sein!)
Selten habe ich mich so geschämt, meine Brötchen als Bibliothekarin zu verdienen... oder haben da eher die Juristen versagt?
HALLO!?!?
Über welche Tische ist das gelaufen, wieviele Leute haben da geschlafen, wie kann ein dermaßen bescheuertes Gesetz erlassen werden - und vor allem: wie konnte die Deutsche Bibliothek das zulassen? Die Bibliothek kann das nun wahrlich so was von überhaupt gar nicht wollen; auch Serverkapazität kostet Geld, und nicht zu knapp, von dem Migrieren der Daten, um sie überhaupt lesbar zu erhalten, gar nicht zu reden.
Was eine Farce! Bei der Frage, wer das verbockt hat, sehe ich doch mal wieder völlig überalterte Knacker vor mir, denen schon die bewegten Bilder des Fernsehns ein Dorn im Auge sind, von neueren Medien wie Internet mal ganz zu schweigen - so Marke Reich-Ranicki. Wem sonst kann so ein Hirnriß unterlaufen? Erinnert mich doch stark an die Frage beim PC-Kauf: "kann der PC auch die neueste Version vom Internet?".
Bitte gerne: ich werde nach jedem neuen Eintrag mein Blog ausdrucken und an die Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main und Leipzig schicken. Die werden begeistert sein! (Ist allerdings noch nicht raus, ob auch Blogs abgeliefert werden müssen... aber allein diese Überlegung!Darf doch alles nicht wahr sein!)
Selten habe ich mich so geschämt, meine Brötchen als Bibliothekarin zu verdienen... oder haben da eher die Juristen versagt?
Montag, 27. Oktober 2008
The Welsh Girl

Ein Buch, das von mir überwiegend in Halbstundenetappen in der U-Bahn oder während Arbeitspausen gelesen wurde und viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Zu Recht auf der letzten Man Booker Prize-Shortlist. Ein ruhiges Buch, das langsam und undramatisch und auf sachte Art sehr poetisch seine Themen Verrat, Ehre, Ehrlichkeit und Patriotismus immer mehr verdichtet, ohne aufdringlich zu werden. Schön zu lesen - und sehr klug.
Sonntag, 26. Oktober 2008
Postgruppale Depression
5 Tage mit mehr Leben als sonst in ebensoviel Monaten - oder von mir aus Wochen. Das aber mindestens. Mit so vielen Erlebnissen, Eindrücken, Gesprächen, mit so viel Musik!
Ich fühl mich genauso gejetlagged wie nach der Rückkehr aus den USA, inklusive bleierner Müdigkeit tagsüber und Schlaflosigkeit nachts. (Scheint zur Gewohnheit zu werden.)
Mir fehlt tatsächlich das Rudel, aber auch ganz speziell einzelne Leute, mir fehlt die Ansprache, die Geselligkeit - und mir fehlt die Musik.
Während der Reise habe ich öfters drüber nachgedacht, warum man das eigentlich macht - es war ja auch einfach strapaziös, weil extrem eng geplant, dieser lange Reisetag war z.B. irgendwann nur noch anstrengend. Und trotzdem habe ich nicht einmal gedacht, wäre ich doch zu Hause geblieben. Und der Stimmung nach zu urteilen hat das wohl (fast) niemand gedacht. Vielleicht war es deswegen so angenehm und entspannt: alle wollten wirklich dabeisein - und es gab ein gemeinsames Interesse, das über alle Anstrengung hinweg trug. Bemerkenswert.
Jetzt fällt es mir schwer, zurückzufinden in den Alltag und ins Alleinsein - postgruppale Depression! Und: es steht offenbar eine Revision meines Selbstbilds an. Schock-Horror - bin ich gar nicht so soziophob wie ich dachte? Ich habe es regelrecht genossen, tagelang fast ununterbrochen unter Menschen zu sein - und immerzu mit neuen, anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. (Netten Menschen - das war sicher nicht ganz unrelevant). Sollte ich doch nicht so einsamkeitsliebend sein, wie ich mir die letzten 20 Jahre angewöhnt habe zu glauben? Und wenn es so ist - was mach ich jetzt mit dem Gelernten?
Ich fühl mich genauso gejetlagged wie nach der Rückkehr aus den USA, inklusive bleierner Müdigkeit tagsüber und Schlaflosigkeit nachts. (Scheint zur Gewohnheit zu werden.)
Mir fehlt tatsächlich das Rudel, aber auch ganz speziell einzelne Leute, mir fehlt die Ansprache, die Geselligkeit - und mir fehlt die Musik.
Während der Reise habe ich öfters drüber nachgedacht, warum man das eigentlich macht - es war ja auch einfach strapaziös, weil extrem eng geplant, dieser lange Reisetag war z.B. irgendwann nur noch anstrengend. Und trotzdem habe ich nicht einmal gedacht, wäre ich doch zu Hause geblieben. Und der Stimmung nach zu urteilen hat das wohl (fast) niemand gedacht. Vielleicht war es deswegen so angenehm und entspannt: alle wollten wirklich dabeisein - und es gab ein gemeinsames Interesse, das über alle Anstrengung hinweg trug. Bemerkenswert.
Jetzt fällt es mir schwer, zurückzufinden in den Alltag und ins Alleinsein - postgruppale Depression! Und: es steht offenbar eine Revision meines Selbstbilds an. Schock-Horror - bin ich gar nicht so soziophob wie ich dachte? Ich habe es regelrecht genossen, tagelang fast ununterbrochen unter Menschen zu sein - und immerzu mit neuen, anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. (Netten Menschen - das war sicher nicht ganz unrelevant). Sollte ich doch nicht so einsamkeitsliebend sein, wie ich mir die letzten 20 Jahre angewöhnt habe zu glauben? Und wenn es so ist - was mach ich jetzt mit dem Gelernten?
Mittwoch, 22. Oktober 2008
Shkodra - Podgorica - Belgrad - Berlin (Mittwoch)
3:00 Uhr morgens, der Bus fährt los gen Flughafen Podgorica. Ich bleibe wach, höre Philip Glass und nehme langsam Abschied; versuche, mich mit dem Gedanken anzufreunden, bald wieder als Einzelwesen zu existieren. Wir erreichen den Flughafen ungefähr 50 Minuten vor Abflug, es geht dort alles sehr flüssig - bis auf die Tatsache, dass unsere albanische Begleitung bei der Passkontrolle ne Runde schikaniert wird.
Da die Nacht gut zu einem neuen Tag geworden ist, kann ich jetzt schlafen: vom Flug nach Belgrad (kürzer als ne Stunde) merke ich nichts; in Belgrad angekommen denkt man "das waren jetzt 11 Stunden Zugfahrt!?" - aber ich möchte die Zugfahrt nicht wirklich missen.
Knapp 2 h Aufenthalt in Belgrad (irre, dieser halb verbarrikadierte Svarowksi-Laden, wer um Himmels willen kauft das hier?), die ich auf einer Bank liegend leidend verbringe. Kein Schlaf, dafür Magenschmerzen und Kopfweh - so langsam bin ich echt durch. Ist irgendwie aber halb so schlimm, weil es allen ähnlich geht; der Lack ist bei uns allen reichlich ab nach der mehr oder weniger schlaflosen Nacht. Umso schöner, dass immer noch ein wohlwollendes und geduldiges Miteinander geht (Schönberg - "goodwill"!); Angelika versorgt mich mit Keksen und Wasser, was meinen Zustand erheblich verbessert.
Auch den Flug Belgrad-Berlin verschlafe ich komplett und komme erst wieder so halbwegs zu mir, als John sagt "tolle Suppe hier" - der Himmel über Berlin.
Der Abschied fällt schwer; ich habe das Bedürfnis, das Herdendasein zu verlängern (wie ging Alleinsein noch??) und weiß doch, dass es jetzt ein Ende finden muß.
Tschüß Ihr alle, war schön mit Euch!
Wort des Tages: "Heute abend werde ich zu Hause sitzen und das Rudel vermissen" (Bettina)
Da die Nacht gut zu einem neuen Tag geworden ist, kann ich jetzt schlafen: vom Flug nach Belgrad (kürzer als ne Stunde) merke ich nichts; in Belgrad angekommen denkt man "das waren jetzt 11 Stunden Zugfahrt!?" - aber ich möchte die Zugfahrt nicht wirklich missen.
Knapp 2 h Aufenthalt in Belgrad (irre, dieser halb verbarrikadierte Svarowksi-Laden, wer um Himmels willen kauft das hier?), die ich auf einer Bank liegend leidend verbringe. Kein Schlaf, dafür Magenschmerzen und Kopfweh - so langsam bin ich echt durch. Ist irgendwie aber halb so schlimm, weil es allen ähnlich geht; der Lack ist bei uns allen reichlich ab nach der mehr oder weniger schlaflosen Nacht. Umso schöner, dass immer noch ein wohlwollendes und geduldiges Miteinander geht (Schönberg - "goodwill"!); Angelika versorgt mich mit Keksen und Wasser, was meinen Zustand erheblich verbessert.
Auch den Flug Belgrad-Berlin verschlafe ich komplett und komme erst wieder so halbwegs zu mir, als John sagt "tolle Suppe hier" - der Himmel über Berlin.
Der Abschied fällt schwer; ich habe das Bedürfnis, das Herdendasein zu verlängern (wie ging Alleinsein noch??) und weiß doch, dass es jetzt ein Ende finden muß.
Tschüß Ihr alle, war schön mit Euch!
Wort des Tages: "Heute abend werde ich zu Hause sitzen und das Rudel vermissen" (Bettina)
Dienstag, 21. Oktober 2008
Shkodra (Dienstag)
Höhere Mächte haben ein Einsehen und Erbarmen und die Chorprobe heute Vormittag abgesagt. Den Bus nach Shkodra downtown um 10:30 Uhr lasse ich ohne mich fahren und schleppe mich erst gegen 11:00 Uhr zum Frühstück.
So schön die Chorreise überraschenderweise tatsächlich ist - ein Raubbau an der Gesundheit ist sie ebenfalls. Viel rauchen (ist ja vor allem gut, wenn man viel singt), viel trinken, die Nahrungsaufnahme dafür im wesentlichen eingestellt, keine Nacht auch nur halbwegs genug geschlafen - ich bin in 5 Tagen um ebenso viele Jahre gealtert.
Daher ist der heutige Vormittag der Erholung gegönnt. Es ist wonnig warm, mediterran, das Barackenlager (oder auch: Peace Village) liegt sehr schön im Grünen gegenüber der Stadt (und mal wieder einer Burg) auf einem Hügel, und so mache ich mich mit meinem Ipod auf zu einem Spaziergang und ein bißchen Alleinsein. Vor dem Mittagessen bleibt dann sogar noch eine halbe Stunde Zeit, um auf den Stufen der Hütte mal wenigstens ein paar Seiten zu lesen und sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen. Herrlich! Bin ein neuer Mensch - und kann vielleicht tatsächlich nochmal singen heute abend.
Nach dem Mittagessen geht es in Konzertkleidung zur kurzen Probe in die Kathedrale. Ja, Kathedrale, und zwar wirklich: riesengroß! Und ein unglaublicher Hall. Der Chor hat seit 5 Sekunden die Münder geschlossen - und kann sich immer noch hören.
Der Tallis ist - was Wunder - wieder ein einziges Rumgeeiere, und auch der Bach ist nur Klangbrei.
Nach der Probe ist Zeit, doch noch Shkodra downtown kennenzulernen. Diejenigen, die es schon am Vormittag in die Stadt geschafft haben, erzählten ganz angetan von der quirligen Innenstadt und schwärmten von schöner Atmosphäre und netten Leuten. Ich bin nicht begeistert: um 17:00 Uhr am Dienstag nachmittag ist die Stadt tot; wenige Machomänner, die aggressiv glotzen bzw. im Potenzimponiergang durch die Gegend watscheln sind unterwegs. Außer uns 3 kein weibliches Wesen nirgends. Sieht man ein halbwegs nett aussehendes Café, kann man sicher sein, dass nur Männer drin sitzen. Das Städtchen wirkt auf mich nur bedrückend und deprimierend: bitter arm, wie ausgestorben - und dann noch diese Männermackermachokultur, die mir ohne Ende auf die Eier geht.
Fast verlaufen wir uns auf dem Rückweg, aber dann schaffen wir's doch 10 Minuten vor Konzertbeginn in die Kathedrale zurück (mittlerweile, kurz vor 19:00 Uhr sind auch die Geschäfte wieder geöffnet und die Straßen beleben sich zunehmend) - und die riesige hangarartige Kathedrale ist tatsächlich voll mit Publikum!
Das Konzert ist so lala, was aber irgendwie o.k. ist, weil sowieso ein ständiges Raunen, Kommen und Gehen herrscht (jetzt seitens des Publikums, der Chor bleibt schon brav da). Ich find's in Ordnung, das nimmt den Druck - was wir singen ist mehr so`n unverbindliches Angebot, wer's nicht mag, geht halt oder unterhält sich ein bisschen. Oder bohrt in der Nase, wie der Bischof, der mit zwei anderen katholischen Würdenträgern auf Ehrenplätzen im Mittelgang sitzt.
Die Kathedrale war in kommunistischen Zeiten zu einer Turnhalle umfunktioniert - vielleicht rührt daher der Bewegungsdrang des Publikums.
Das einzige Stück, das besser klingt denn je ist der Pärt, den alle Chöre gemeinsam singen. Dem tut die Waberakustik gut, und irgendwie geben sich heute alle damit ein kleines bisschen mehr Mühe, sind alle ein kleines bisschen zärtlicher mit der Musik.
Ich bin offenbar schon hinreichend abgestumpft durch das wiederholte Absingen des Programms, jedenfalls geht es mir heute nach dem Konzert besser, und das ist auch gut so, denn heute Abend bricht sich die Völkerverständigung endgültig Bahn - die Albaner schmeißen eine Party mit Zigeunermusik und Techno-DJ; der serbische Chor reist um 7:00 Uhr ab, wir müssen gegen 2:30 Uhr los, und bis dahin wird erst getanzt und dann gesungen. Ein großer, großer Spaß und eine wahre Freude.
Worte des Tages:"This salad made of garbage" (Dunja über den ewigen Krautsalat im Hotel in Novi Sad) und "Visa and I..."(Gerhard)
So schön die Chorreise überraschenderweise tatsächlich ist - ein Raubbau an der Gesundheit ist sie ebenfalls. Viel rauchen (ist ja vor allem gut, wenn man viel singt), viel trinken, die Nahrungsaufnahme dafür im wesentlichen eingestellt, keine Nacht auch nur halbwegs genug geschlafen - ich bin in 5 Tagen um ebenso viele Jahre gealtert.
Daher ist der heutige Vormittag der Erholung gegönnt. Es ist wonnig warm, mediterran, das Barackenlager (oder auch: Peace Village) liegt sehr schön im Grünen gegenüber der Stadt (und mal wieder einer Burg) auf einem Hügel, und so mache ich mich mit meinem Ipod auf zu einem Spaziergang und ein bißchen Alleinsein. Vor dem Mittagessen bleibt dann sogar noch eine halbe Stunde Zeit, um auf den Stufen der Hütte mal wenigstens ein paar Seiten zu lesen und sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen. Herrlich! Bin ein neuer Mensch - und kann vielleicht tatsächlich nochmal singen heute abend.
Nach dem Mittagessen geht es in Konzertkleidung zur kurzen Probe in die Kathedrale. Ja, Kathedrale, und zwar wirklich: riesengroß! Und ein unglaublicher Hall. Der Chor hat seit 5 Sekunden die Münder geschlossen - und kann sich immer noch hören.
Der Tallis ist - was Wunder - wieder ein einziges Rumgeeiere, und auch der Bach ist nur Klangbrei.
Nach der Probe ist Zeit, doch noch Shkodra downtown kennenzulernen. Diejenigen, die es schon am Vormittag in die Stadt geschafft haben, erzählten ganz angetan von der quirligen Innenstadt und schwärmten von schöner Atmosphäre und netten Leuten. Ich bin nicht begeistert: um 17:00 Uhr am Dienstag nachmittag ist die Stadt tot; wenige Machomänner, die aggressiv glotzen bzw. im Potenzimponiergang durch die Gegend watscheln sind unterwegs. Außer uns 3 kein weibliches Wesen nirgends. Sieht man ein halbwegs nett aussehendes Café, kann man sicher sein, dass nur Männer drin sitzen. Das Städtchen wirkt auf mich nur bedrückend und deprimierend: bitter arm, wie ausgestorben - und dann noch diese Männermackermachokultur, die mir ohne Ende auf die Eier geht.
Fast verlaufen wir uns auf dem Rückweg, aber dann schaffen wir's doch 10 Minuten vor Konzertbeginn in die Kathedrale zurück (mittlerweile, kurz vor 19:00 Uhr sind auch die Geschäfte wieder geöffnet und die Straßen beleben sich zunehmend) - und die riesige hangarartige Kathedrale ist tatsächlich voll mit Publikum!
Das Konzert ist so lala, was aber irgendwie o.k. ist, weil sowieso ein ständiges Raunen, Kommen und Gehen herrscht (jetzt seitens des Publikums, der Chor bleibt schon brav da). Ich find's in Ordnung, das nimmt den Druck - was wir singen ist mehr so`n unverbindliches Angebot, wer's nicht mag, geht halt oder unterhält sich ein bisschen. Oder bohrt in der Nase, wie der Bischof, der mit zwei anderen katholischen Würdenträgern auf Ehrenplätzen im Mittelgang sitzt.
Die Kathedrale war in kommunistischen Zeiten zu einer Turnhalle umfunktioniert - vielleicht rührt daher der Bewegungsdrang des Publikums.
Das einzige Stück, das besser klingt denn je ist der Pärt, den alle Chöre gemeinsam singen. Dem tut die Waberakustik gut, und irgendwie geben sich heute alle damit ein kleines bisschen mehr Mühe, sind alle ein kleines bisschen zärtlicher mit der Musik.
Ich bin offenbar schon hinreichend abgestumpft durch das wiederholte Absingen des Programms, jedenfalls geht es mir heute nach dem Konzert besser, und das ist auch gut so, denn heute Abend bricht sich die Völkerverständigung endgültig Bahn - die Albaner schmeißen eine Party mit Zigeunermusik und Techno-DJ; der serbische Chor reist um 7:00 Uhr ab, wir müssen gegen 2:30 Uhr los, und bis dahin wird erst getanzt und dann gesungen. Ein großer, großer Spaß und eine wahre Freude.
Worte des Tages:"This salad made of garbage" (Dunja über den ewigen Krautsalat im Hotel in Novi Sad) und "Visa and I..."(Gerhard)
Montag, 20. Oktober 2008
Novi Sad - Podgorica - Shkodra (Montag)
Heute früh mache ich um 6:00 Uhr Weckdienst für Matthias 2 Hotelzimmertüren weiter, was kein Problem ist, da ich schon seit 4:30 senkrecht im Bett stehe. Na toll, da hätte ich auch um die Neusätzer Häuser ziehen können und Spaß haben! Zur Abwechslung wird mal wieder eine Mahlzeit ausgelassen - so früh am Morgen brauche ich ewig, um meinen Krempel in den zu kleinen Koffer zu zwängen, außerdem rebelliert mein Magen schon beim Gedanken an das Hotelfrühstück.
Anyway - heute stehen an: 3 Länder an einem Tag per Zug und Bus. Sollte alles fahrplanmäßig klappen, brauchen wir für die 560 km von Novi Sad nach Shkodra in Albanien ca. 13 Stunden. Es werden dann über 16 Stunden daraus. Nachmittags stehen wir gute zwei Stunden irgendwo in Monenegro (oder war es irgendwo in einem Zipfel von Bosnien?), weil ein neues Stück Schiene eingeschweißt werden muß. Ungefähr 10 Minuten vor Ankunft in Podgorica stehen wir nochmal rund 30 Minuten, weil die Autos trotz roten Signals - und ankommenden Zuges! - immer weiter munter über die Gleise brettern.
Die Stimmung bleibt anhaltend gut, das endlose Zugfahren kocht alle weich und zusammen, zwar sitzen wir Deutschen und der serbische Chor fein nach Abteilen getrennt, da aber phasenweise alle im Zuggang zusammenklumpen, nimmt die Gruppendynamik ihren Lauf. Von den angeblich so schönen schwarzen Bergen sehen wir in der stockdunklen Nacht nichts, aber die abgrundtief weit unter dem Zug leuchtenden Straßen- und Ortslichter und der Sternenhimmel darüber haben auch so einen immensen Wow-Faktor.
Die Zugfahrt geht so: im Gang stehen und quatschen und fotographieren, ins Abteil gehen und quatschen, Nickerchen machen, in den Gang gehen und quatschen, aus dem Fenster gucken, quatschen, 2 Stunden in der Pampa auf einem Bahnhofsgleis stehen bzw. rumlatschen und quatschen, im Abteil sitzen und quatschen, Doppelkopfrunde zusammensuchen, Ort zum Doppelkopfspielen suchen, Doppelkopf spielen, im Gang stehen und quatschen, Nickerchen machen, im Abteil sitzen und quatschen, im Gang stehen und aus dem Fenster gucken, quatschen - und als man eigentlich schon nicht mehr wirklich daran glaubte und sich ganz auf ein Leben im Zugwaggon eingerichtet hatte, sind wir dann doch am Bahnhof in Podgorica angekommen.
Keiner hat Lust darauf, in einen Bus umzusteigen - man hatte sich so gut im Zug eingelebt. Und offenbar zu Recht: die enge Bergstraße ist nicht wirklich breit genug für zwei Fahrzeuge, leider kommen aber immer wieder LKWs entgegen. Bis Busse und LKW aneinander vorbei sind dauert es jedes Mal so seine Zeit. Und dann, irgendwann, die montenegrinisch-albanische Grenze. Mit allen Schikanen. Naja - vielleicht nicht alle, wer weiß, was die noch in petto gehabt hätten. Obwohl auf dem Schild am Zollgebäude so lustig "Hanni und Nanni" (oder "Hoti und Moti" oder so ähnlich) stand, ist es nicht wirklich lustig.
Ein Haufen übermüdeter und hungriger Serben, Albaner und Deutsche, insgesamt über 100 Menschen, warten wir über eine Stunde darauf, dass die Grenzer genug gespielt haben und uns weiterfahren lassen.
Caroline hat die schöne Idee, dass bei der Passrückgabe dezent für jeden von uns ein Trinkgeld eingelegt sei - das ist dann schon im ziemlich "fortgeschrittenen Stadion".
Ankunft im Peace Village der Caritas gegen Mitternacht. Schön ist noch der zum Gepäcktransporter umfunktionierte Krankenwagen, weniger schön die Holzhütten auf Jugendlagerniveau. Nach der überlangen Reise heißt es da Zähne aufeinander beißen, obwohl sie seit Stunden aufgrund totaler Übermüdung klappern. Die schlaffe Schaumstoffmatratze auf den Boden gelegt wird schlafen hoffentlich irgendwie möglich sein, und um 2:00 Uhr ist Licht aus in der Jugendbaracke.
Wort des Tages: "Ich find's grade grenzwertig" (Sabine an der montenegrinisch-albanischen Grenze)
Anyway - heute stehen an: 3 Länder an einem Tag per Zug und Bus. Sollte alles fahrplanmäßig klappen, brauchen wir für die 560 km von Novi Sad nach Shkodra in Albanien ca. 13 Stunden. Es werden dann über 16 Stunden daraus. Nachmittags stehen wir gute zwei Stunden irgendwo in Monenegro (oder war es irgendwo in einem Zipfel von Bosnien?), weil ein neues Stück Schiene eingeschweißt werden muß. Ungefähr 10 Minuten vor Ankunft in Podgorica stehen wir nochmal rund 30 Minuten, weil die Autos trotz roten Signals - und ankommenden Zuges! - immer weiter munter über die Gleise brettern.
Die Stimmung bleibt anhaltend gut, das endlose Zugfahren kocht alle weich und zusammen, zwar sitzen wir Deutschen und der serbische Chor fein nach Abteilen getrennt, da aber phasenweise alle im Zuggang zusammenklumpen, nimmt die Gruppendynamik ihren Lauf. Von den angeblich so schönen schwarzen Bergen sehen wir in der stockdunklen Nacht nichts, aber die abgrundtief weit unter dem Zug leuchtenden Straßen- und Ortslichter und der Sternenhimmel darüber haben auch so einen immensen Wow-Faktor.
Die Zugfahrt geht so: im Gang stehen und quatschen und fotographieren, ins Abteil gehen und quatschen, Nickerchen machen, in den Gang gehen und quatschen, aus dem Fenster gucken, quatschen, 2 Stunden in der Pampa auf einem Bahnhofsgleis stehen bzw. rumlatschen und quatschen, im Abteil sitzen und quatschen, Doppelkopfrunde zusammensuchen, Ort zum Doppelkopfspielen suchen, Doppelkopf spielen, im Gang stehen und quatschen, Nickerchen machen, im Abteil sitzen und quatschen, im Gang stehen und aus dem Fenster gucken, quatschen - und als man eigentlich schon nicht mehr wirklich daran glaubte und sich ganz auf ein Leben im Zugwaggon eingerichtet hatte, sind wir dann doch am Bahnhof in Podgorica angekommen.
Keiner hat Lust darauf, in einen Bus umzusteigen - man hatte sich so gut im Zug eingelebt. Und offenbar zu Recht: die enge Bergstraße ist nicht wirklich breit genug für zwei Fahrzeuge, leider kommen aber immer wieder LKWs entgegen. Bis Busse und LKW aneinander vorbei sind dauert es jedes Mal so seine Zeit. Und dann, irgendwann, die montenegrinisch-albanische Grenze. Mit allen Schikanen. Naja - vielleicht nicht alle, wer weiß, was die noch in petto gehabt hätten. Obwohl auf dem Schild am Zollgebäude so lustig "Hanni und Nanni" (oder "Hoti und Moti" oder so ähnlich) stand, ist es nicht wirklich lustig.
Ein Haufen übermüdeter und hungriger Serben, Albaner und Deutsche, insgesamt über 100 Menschen, warten wir über eine Stunde darauf, dass die Grenzer genug gespielt haben und uns weiterfahren lassen.
Caroline hat die schöne Idee, dass bei der Passrückgabe dezent für jeden von uns ein Trinkgeld eingelegt sei - das ist dann schon im ziemlich "fortgeschrittenen Stadion".
Ankunft im Peace Village der Caritas gegen Mitternacht. Schön ist noch der zum Gepäcktransporter umfunktionierte Krankenwagen, weniger schön die Holzhütten auf Jugendlagerniveau. Nach der überlangen Reise heißt es da Zähne aufeinander beißen, obwohl sie seit Stunden aufgrund totaler Übermüdung klappern. Die schlaffe Schaumstoffmatratze auf den Boden gelegt wird schlafen hoffentlich irgendwie möglich sein, und um 2:00 Uhr ist Licht aus in der Jugendbaracke.
Wort des Tages: "Ich find's grade grenzwertig" (Sabine an der montenegrinisch-albanischen Grenze)
Sonntag, 19. Oktober 2008
Novi Sad (Sonntag)
Was ist das nur, dass ich in diesem Zimmer nicht schlafen kann? Achja, genau: die Technodisse. Ich melde mich freiwillig als Versuchsperson zur Bestätigung der These, dass Technobeats tatsächlich die Pulsfrequenz beeinflussen! Mit Herzrasen im Bett liegen ist dem Schlaf nicht wirklich zuträglich.
Die lauwarme Milch mit Kaffeeatomen tut gar nichts zum Aufwecken, also nach dem Frühstück wieder ein bisschen frische Luft schnappen und einen koffeeinhaltigen Kaffee suchen, bevor die nächste Probe ansteht. Spem in alium... es werden ein paar Notfallmaßnahmen ergriffen: die Chöre stehen zunächst alle dicht zusammen unten, außerdem wird der albanische Chor von zwei Streicherinnen unterstützt. Es läuft. Kaum zu glauben - es läuft. Die Solistenchöre müssen ungefähr 17mal anfangen, da der Klang des üblen Keybords eingenordet werden muß. Ich genieße das, gerade der Anfang des Stücks ist so sphärisch-unirdisch wunderschön. Dann ein letztes Mal, diesmal wieder mit auf die Galerien verteilten Chören - und auch das funktioniert. Hallelujah! (Achnee, anderes Stück.) Kaum zu glauben - das Wunder von Novi Sad, das Spem in alium funktioniert! Das erste Mal kann man ahnen, dass es ein schönes Stück Musik sein könnte.
Der Bach flutscht mittlerweile wie eine geölte Nähmaschine, fast schon totgesungen, macht aber immer wieder Spaß, vor allem, wenn das Orchester beim "Gloria" abgeht.
Bei meiner gestrigen Burgerkundung hatte ich mir versprochen, nochmal über die Donaubrücke zu wandern, um in dem nett aussehendem Strand- (naja, eher Wiesen-)Café mit Hausboot direkt an der Donau einen Kaffee zu nehmen. Dort angekommen ist die Sonne aber so ziemlich hinter Wolken verschwunden, außerdem drängt die Zeit ein wenig, so dass ich unzufrieden umkehre zum Hotel: nichts neues von der Stadt gesehen und dann nichtmal das erklärte Ziel erreicht. Dumm gelaufen.
Umziehen und in Konzertklamotten zur letzten Probe. Keine Ahnung mehr, was ich dann in der Zeit zwischen dieser letzten Probe und Konzertbeginn gemacht habe.
Die Synagoge ist gut besucht, und das Konzert gelingt richtig gut. Der Tallis läuft besser denn je, die größte Überraschung wird dann der Schönberg, der zum ersten Mal tatsächlich immerhin manchmal an den richtigen Stellen piano ist. Ich steige trotzdem wie immer aus dem großen Endspurtgeschrei aus - aber tatsächlich ist der Schönberg, obwohl immer noch viel zu massiv und bollerig, noch nie so differenziert gelungen wie heute.
Das einhellige Gefühl nach dem Konzert: super! Bestes Konzert bisher.
Wie schon in Berlin bin ich nach dem Programm total am Ende und kurz vorm Heulen. Diese unterschiedlichen Stücke, die Anspannung beim Tallis, der Frauenchor-Pärt, der mir bei jedem Hören das Herz zerreißt - und dann noch der Gewaltakt Schönberg - ich bin danach einfach ausgelaugt, könnte beidhändig rauchen und will vor allem einfach nur allein sein und mich wieder fangen.
Stattdessen: Feier im Gemeindesaal - die vornehme Zurückhaltung bzw. auch das Aufrauchen im Stehen zeitigt mal wieder den "Den-letzten-beißen-die-Hunde"-Effekt; Stehplätze in einer Ecke, immerhin dicht am Alkohol. Ich nehme mir vor, mich eine Anstandszeitspanne lang zu quälen und dann - endlich mal! - halbwegs zeitig schlafen zu gehen, immerhin ist am nächsten Morgen um 7:00 Uhr Aufbruch zum Bahnhof. Nach Startschwierigkeiten wird es dann doch noch sehr nett und mit einigen der Letzten gehe ich um Mitternacht zurück zum Hotel.
Auf das noch stattfindende Woandershin-Walking in eine Bar verzichte ich zugunsten von Schlaf - so ist es zumindest geplant. Klappt leider wieder nicht, weil zu aufgekratzt an Einschlafen nicht zu denken ist.
Wort des Tages: "Ich hab einen Spem-Filter" (Robert übers "Spem in alium" - könnte allerdings auch an einem anderen Tag gewesen sein)
Die lauwarme Milch mit Kaffeeatomen tut gar nichts zum Aufwecken, also nach dem Frühstück wieder ein bisschen frische Luft schnappen und einen koffeeinhaltigen Kaffee suchen, bevor die nächste Probe ansteht. Spem in alium... es werden ein paar Notfallmaßnahmen ergriffen: die Chöre stehen zunächst alle dicht zusammen unten, außerdem wird der albanische Chor von zwei Streicherinnen unterstützt. Es läuft. Kaum zu glauben - es läuft. Die Solistenchöre müssen ungefähr 17mal anfangen, da der Klang des üblen Keybords eingenordet werden muß. Ich genieße das, gerade der Anfang des Stücks ist so sphärisch-unirdisch wunderschön. Dann ein letztes Mal, diesmal wieder mit auf die Galerien verteilten Chören - und auch das funktioniert. Hallelujah! (Achnee, anderes Stück.) Kaum zu glauben - das Wunder von Novi Sad, das Spem in alium funktioniert! Das erste Mal kann man ahnen, dass es ein schönes Stück Musik sein könnte.
Der Bach flutscht mittlerweile wie eine geölte Nähmaschine, fast schon totgesungen, macht aber immer wieder Spaß, vor allem, wenn das Orchester beim "Gloria" abgeht.
Bei meiner gestrigen Burgerkundung hatte ich mir versprochen, nochmal über die Donaubrücke zu wandern, um in dem nett aussehendem Strand- (naja, eher Wiesen-)Café mit Hausboot direkt an der Donau einen Kaffee zu nehmen. Dort angekommen ist die Sonne aber so ziemlich hinter Wolken verschwunden, außerdem drängt die Zeit ein wenig, so dass ich unzufrieden umkehre zum Hotel: nichts neues von der Stadt gesehen und dann nichtmal das erklärte Ziel erreicht. Dumm gelaufen.
Umziehen und in Konzertklamotten zur letzten Probe. Keine Ahnung mehr, was ich dann in der Zeit zwischen dieser letzten Probe und Konzertbeginn gemacht habe.
Die Synagoge ist gut besucht, und das Konzert gelingt richtig gut. Der Tallis läuft besser denn je, die größte Überraschung wird dann der Schönberg, der zum ersten Mal tatsächlich immerhin manchmal an den richtigen Stellen piano ist. Ich steige trotzdem wie immer aus dem großen Endspurtgeschrei aus - aber tatsächlich ist der Schönberg, obwohl immer noch viel zu massiv und bollerig, noch nie so differenziert gelungen wie heute.
Das einhellige Gefühl nach dem Konzert: super! Bestes Konzert bisher.
Wie schon in Berlin bin ich nach dem Programm total am Ende und kurz vorm Heulen. Diese unterschiedlichen Stücke, die Anspannung beim Tallis, der Frauenchor-Pärt, der mir bei jedem Hören das Herz zerreißt - und dann noch der Gewaltakt Schönberg - ich bin danach einfach ausgelaugt, könnte beidhändig rauchen und will vor allem einfach nur allein sein und mich wieder fangen.
Stattdessen: Feier im Gemeindesaal - die vornehme Zurückhaltung bzw. auch das Aufrauchen im Stehen zeitigt mal wieder den "Den-letzten-beißen-die-Hunde"-Effekt; Stehplätze in einer Ecke, immerhin dicht am Alkohol. Ich nehme mir vor, mich eine Anstandszeitspanne lang zu quälen und dann - endlich mal! - halbwegs zeitig schlafen zu gehen, immerhin ist am nächsten Morgen um 7:00 Uhr Aufbruch zum Bahnhof. Nach Startschwierigkeiten wird es dann doch noch sehr nett und mit einigen der Letzten gehe ich um Mitternacht zurück zum Hotel.
Auf das noch stattfindende Woandershin-Walking in eine Bar verzichte ich zugunsten von Schlaf - so ist es zumindest geplant. Klappt leider wieder nicht, weil zu aufgekratzt an Einschlafen nicht zu denken ist.
Wort des Tages: "Ich hab einen Spem-Filter" (Robert übers "Spem in alium" - könnte allerdings auch an einem anderen Tag gewesen sein)
Samstag, 18. Oktober 2008
Novi Sad (Samstag)
Die hoteleigene Technodisse wummert den Beat durch alle Ohrenstopfen und treibt meinen Puls auf über 100 bpm - die Nacht ist alles andere als erholsam und sowieso viel zu kurz.
Das Frühstück ist kulinarisch bestenfalls interessant, aber in netter Gesellschaft und danach bis zum Probenbeginn noch über eine Stunde Zeit, bei schönem Wetter und ziemlicher Wärme durch die Innenstadt Novi Sads zu laufen.
Sobald man von der schmucken Fußgägerzone in die Seitenstraßen abbiegt, verändert sich das Bild: runtergekommene Häuser neben fein sanierten (in diesen häufig eine Bank, z.B. die "Banca Intense" oder so ähnlich), hier sind auch ältere und alte Menschen unterwegs, denen man ihr schweres Leben ansieht. Ich krieg das schwer bis gar nicht zusammen mit dem schicken jungen Amüsiervolk, das bei Costa Coffee (ausgerechnet!) umgerechnet 2 Euro für den globalisierten Café Latte hinlegt.
Muß ich mich schämen, dass mir die hübsche Innenstadt gefällt, dass ich dem morbiden Charme der nichtsanierten Häuser erliege, dass ich die unzähligen Hinterhöfe und Passagen malerisch finde? Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das alles einordnen soll - vor wenigen Jahren bebte diese Stadt, als in nächtelangen Bombardierungen die Brücken über die Donau von Natoflugzeugen zerstört wurden, jetzt sieht man fast nichts von Krieg und Zerstörung. Oder sehe nur ich davon nichts? Ich weiß einfach zu wenig über diese Stadt und wie es sein muß, hier zu leben.
Heute morgen auf dem Stadtplan habe ich gesehen, dass Grbavica ein Stadtteil von Novi Sad ist - noch so ein Schock.
Die Übermüdung hilft nicht dabei, das irgendwie klarzukriegen, statt in einem netten "authentischen" Café wird es dann auch noch (wie ich mir tröstend sage aufgrund des Zeitmangels) der Kaffee Togo von Costa und es geht verwirrt zur ersten Probe in die Synagoge. Ich bin früh, es ist noch fast niemand da, und von drinnen klingt die Orchesterprobe für die Bach-Messe. Ein schöner Einstieg, bestärkt durch die Schönheit des Innenraums der Synagoge - und die glasklare Akustik.
Nach der Probe geht es im Pulk durch die Innenstadt, bis ich von dem irgendwie ziellosen Getrödel die Nase voll habe und mich mit Caroline absetze; sie zieht es bald in die Seitengassen, ich will dringend zur Donaubrücke, über die wir in der Nacht zuvor in die Stadt hereingefahren sind. Nach ein bisschen Rumsuchen finde ich sie auch - und wo ich jetzt schon hier bin, zieht es mich auf die andere Seite, in das kleine Städtchen unterhalb der Festung, das mich gestern Nacht beim Durchfahren schon fasziniert hat. Statt Mittagessen also eine Stunde Laufen durch schmale pittoreske Gassen und dann noch auf die Festung; der Serbe liebt die Beschallung, völlig verschärft ist Madonna im Treppentunnel hoch aufs Festungsplateau.
Ziemlich gerädert wieder im Hotel angekommen bräuchte ich dringend einen Mittagsschlaf, aber dieses Bett oder das miese Feng Shui des Hotelzimmers oder was weiß ich läßt mich wieder kein Auge zutun, obwohl ich total alle bin. Vielleicht tut der Hunger sein übriges...
Die Probe am Nachmittag ist eine Katastrophe: der Tallis geht gar nicht; es ist unglaublich, un-glaub-lich, wie die Intonation der Chöre absackt; die Einsätze gehen auch so ziemlich alle schief, die Albaner sind kaum mal dabei - absolut gruselig. Panik greift um sich - oder ergreift nur mich? Hat sich was mit der Völkerverständigung - wenn Blicke töten könnten, gäbe es jetzt ein paar albanische Sänger(innen) weniger! Friedrun sagt, man sähe mir deutlich an, wie ich leide, und ich bemühe mich um unbewegtere Gesichtszüge.
Irgendwie geht auch das vorbei; beim Abendbrot lande ich an einem sehr netten Tisch, die Stimmung ist trotz der versemmelten Probe - oder gerade deswegen? Galgenhumor? - gut.
Merkwürdig nur, dass Deutsche und Albaner vom Hotel strikt getrennt plaziert werden - wir wollen uns an einen "albanischen" Tisch setzen, werden aber mit aufgeregtem Händeklatschen vom Ober vertrieben. Bitte warum genau? Haben die Angst, dass wir uns bei Tisch die Köpfe einschlagen?
Nach dem Essen gibt es ein Woandershin-Walking mit ca. 12 Leuten - in deren schon am gestrigen Abend besuchte Stammkneipe von Novi Sad. Ich bin so durch, dass ich statt eines Glases Rotwein eine Flasche bestelle, was besonders deswegen blöd ist, als es nicht der von mir auf der Karte gezeigte lokale Cabernet Sauvignon ist, sondern ein Chilenischer Merlot. ("Wenn Merlot getrunken wird, gehe ich!") Na super. Egal, es wird offenbar getrunken, was auf den Tisch kommt und irgendwann isses dann ja auch wurscht - Merlot, Schmerlot, Hauptsache Rotwein und dazu rauchen dürfen. Um 22:00 Uhr dreht der DJ auf, wir schreien uns noch ein bisschen die Stimmbänder wund und zu einer durchaus noch vertretbaren Zeit lande ich wieder in meinem Hotelbett in der Hoffnung, mein Schlafdefizit auszugleichen und sehr beschwingt von einem Tag voller Eindrücke und Musik und Gesprächen.
Wort des Tages: "Auch dieser serbische Cabernet ist ein chilenischer Merlot." (Bettina über die zweite Rotweinflasche.)
Das Frühstück ist kulinarisch bestenfalls interessant, aber in netter Gesellschaft und danach bis zum Probenbeginn noch über eine Stunde Zeit, bei schönem Wetter und ziemlicher Wärme durch die Innenstadt Novi Sads zu laufen.
Sobald man von der schmucken Fußgägerzone in die Seitenstraßen abbiegt, verändert sich das Bild: runtergekommene Häuser neben fein sanierten (in diesen häufig eine Bank, z.B. die "Banca Intense" oder so ähnlich), hier sind auch ältere und alte Menschen unterwegs, denen man ihr schweres Leben ansieht. Ich krieg das schwer bis gar nicht zusammen mit dem schicken jungen Amüsiervolk, das bei Costa Coffee (ausgerechnet!) umgerechnet 2 Euro für den globalisierten Café Latte hinlegt.
Muß ich mich schämen, dass mir die hübsche Innenstadt gefällt, dass ich dem morbiden Charme der nichtsanierten Häuser erliege, dass ich die unzähligen Hinterhöfe und Passagen malerisch finde? Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das alles einordnen soll - vor wenigen Jahren bebte diese Stadt, als in nächtelangen Bombardierungen die Brücken über die Donau von Natoflugzeugen zerstört wurden, jetzt sieht man fast nichts von Krieg und Zerstörung. Oder sehe nur ich davon nichts? Ich weiß einfach zu wenig über diese Stadt und wie es sein muß, hier zu leben.
Heute morgen auf dem Stadtplan habe ich gesehen, dass Grbavica ein Stadtteil von Novi Sad ist - noch so ein Schock.
Die Übermüdung hilft nicht dabei, das irgendwie klarzukriegen, statt in einem netten "authentischen" Café wird es dann auch noch (wie ich mir tröstend sage aufgrund des Zeitmangels) der Kaffee Togo von Costa und es geht verwirrt zur ersten Probe in die Synagoge. Ich bin früh, es ist noch fast niemand da, und von drinnen klingt die Orchesterprobe für die Bach-Messe. Ein schöner Einstieg, bestärkt durch die Schönheit des Innenraums der Synagoge - und die glasklare Akustik.
Nach der Probe geht es im Pulk durch die Innenstadt, bis ich von dem irgendwie ziellosen Getrödel die Nase voll habe und mich mit Caroline absetze; sie zieht es bald in die Seitengassen, ich will dringend zur Donaubrücke, über die wir in der Nacht zuvor in die Stadt hereingefahren sind. Nach ein bisschen Rumsuchen finde ich sie auch - und wo ich jetzt schon hier bin, zieht es mich auf die andere Seite, in das kleine Städtchen unterhalb der Festung, das mich gestern Nacht beim Durchfahren schon fasziniert hat. Statt Mittagessen also eine Stunde Laufen durch schmale pittoreske Gassen und dann noch auf die Festung; der Serbe liebt die Beschallung, völlig verschärft ist Madonna im Treppentunnel hoch aufs Festungsplateau.
Ziemlich gerädert wieder im Hotel angekommen bräuchte ich dringend einen Mittagsschlaf, aber dieses Bett oder das miese Feng Shui des Hotelzimmers oder was weiß ich läßt mich wieder kein Auge zutun, obwohl ich total alle bin. Vielleicht tut der Hunger sein übriges...
Die Probe am Nachmittag ist eine Katastrophe: der Tallis geht gar nicht; es ist unglaublich, un-glaub-lich, wie die Intonation der Chöre absackt; die Einsätze gehen auch so ziemlich alle schief, die Albaner sind kaum mal dabei - absolut gruselig. Panik greift um sich - oder ergreift nur mich? Hat sich was mit der Völkerverständigung - wenn Blicke töten könnten, gäbe es jetzt ein paar albanische Sänger(innen) weniger! Friedrun sagt, man sähe mir deutlich an, wie ich leide, und ich bemühe mich um unbewegtere Gesichtszüge.
Irgendwie geht auch das vorbei; beim Abendbrot lande ich an einem sehr netten Tisch, die Stimmung ist trotz der versemmelten Probe - oder gerade deswegen? Galgenhumor? - gut.
Merkwürdig nur, dass Deutsche und Albaner vom Hotel strikt getrennt plaziert werden - wir wollen uns an einen "albanischen" Tisch setzen, werden aber mit aufgeregtem Händeklatschen vom Ober vertrieben. Bitte warum genau? Haben die Angst, dass wir uns bei Tisch die Köpfe einschlagen?
Nach dem Essen gibt es ein Woandershin-Walking mit ca. 12 Leuten - in deren schon am gestrigen Abend besuchte Stammkneipe von Novi Sad. Ich bin so durch, dass ich statt eines Glases Rotwein eine Flasche bestelle, was besonders deswegen blöd ist, als es nicht der von mir auf der Karte gezeigte lokale Cabernet Sauvignon ist, sondern ein Chilenischer Merlot. ("Wenn Merlot getrunken wird, gehe ich!") Na super. Egal, es wird offenbar getrunken, was auf den Tisch kommt und irgendwann isses dann ja auch wurscht - Merlot, Schmerlot, Hauptsache Rotwein und dazu rauchen dürfen. Um 22:00 Uhr dreht der DJ auf, wir schreien uns noch ein bisschen die Stimmbänder wund und zu einer durchaus noch vertretbaren Zeit lande ich wieder in meinem Hotelbett in der Hoffnung, mein Schlafdefizit auszugleichen und sehr beschwingt von einem Tag voller Eindrücke und Musik und Gesprächen.
Wort des Tages: "Auch dieser serbische Cabernet ist ein chilenischer Merlot." (Bettina über die zweite Rotweinflasche.)
Freitag, 17. Oktober 2008
Berlin - Belgrad - Novi Sad (Freitag)
Merkwürdig, ohne Ticket zum Flughafen zu fahren, ich fühl mich wie ein Kind, das mit Erwachsenen verreist und selber keine Verantwortung zu tragen braucht. Nicht dringend ein angenehmes Gefühl, einhergehend mit leichter Skepsis, wie ich es ertragen werde, 5 Tage nonstop mit Menschen zusammenzusein. Die letzte ähnliche Situation ist über 10 Jahre her und führte am 2. Tag zu Migräne.
Treffpunkt 17:15 in Tegel - der Check-in ist in einem Wurmfortsatz des Hauptgebäudes; man fliegt offenbar in merkwürdige Gegenden.
Knapp 1,5 Stunden später sind die ersten - ungefähr die Hälfte der Choristen, Musiker und Solisten - bereits ins Flugzeug eingestiegen, als sich am Gate diffus Unruhe breitmacht, weil immer noch einige draußen am Check-in stehen. Es stellt sich heraus, dass das Gepäckband seit einer Stunde (in Zahlen: 1 Stunde!) stillsteht. Diejenigen, die noch nicht ins Flugzeug eingestiegen sind bzw. die ihr Gepäck noch auf dem Gepäckband sehen, gehen durch die Security zurück, zerren ihr Gepäck vom stillstehenden Band, schleppen es zum Sperrgepäckschalter, werden dort angepflaumt, man solle jetzt aber gefälligst schnell zum Gate gehen (!? Hallo!? Wollte ich mein Gepäck durch die Gegend schleppen, habe ich das mit dem Gepäckband versemmelt?) und rennen wieder zurück zum Gate - nochmal Wasser wegkippen, nochmal Taschen leeren, nochmal Gürtel ausziehen. Lustig ist, dass beim ersten Mal der Metalldetektor nicht anschlug, jetzt aber sehr wohl und Stiefel und noch mehr auch runter müssen.
Die ganze Aktion hat immerhin schonmal für Kontakt zwischen Solisten und gemeinem Chorvolk gesorgt - und für Mitleid mit den Solisten, die aufgrund ihrer Roben extrem fette Koffer mit sich führen.
Mit ca. 45 Minuten Verspätung hebt das Flugzeug ab, während gemutmaßt wird, wessen Gepäck die größeren Chancen hat, tatsächlich auch in Belgrad anzukommen.
Im Flugzeug herrscht von Seiten des Flugpersonals ein rauher Ton - vermutlich haben die Stewardessen nur widerwillig und unvollständig von sozialistischem Drill Sergeant auf kapitalistische Flugbegleiterin umgeschult.
In Belgrad gelandet fehlen unglücklicherweise tatsächlich 3 Koffer, vermutlich die, die nicht mehr auf der Check-in-Schalter-Seite des Laufbandes zu sehen waren, aber auch noch nicht auf der anderen Seite rausgekommen waren. Danke dafür.
Es wartet der bestellte Bus mitsamt einigen serbischen Choristen als Begleitung auf uns, und als wir kurz vor Mitternacht am Hotel in Novi Sad ankommen, sieht man als erstes Zara, Mexx und Puma, was ich extrem befremdlich finde. Wir steigen in einer Betonwüste aus und gelangen überraschenderweise einmal 50 m um die Ecke biegend in die Innenstadt von Novi Sad. Das Hotel liegt zentralst - als würde man in Berlin am Gendarmenmarkt wohnen.
Der 2 m große und breite Milos/Milan (bis zum Ende herrscht bei den Deutschen Unklarheit über seinen Namen, aber weitgehend Einigkeit über seine Schönheit) führt die noch Hungrigen und Durstigen oder einfach Neugierigen unter uns in die Ausgehgegend von Novi Sad. Die Stadt ist voll mit Amüsiervolk, alles junge Leute, die Kneipen und Bars sind extrem ansprechend und könnten alle genauso in Berlin-Mitte existieren - einen Überraschung nach der anderen!
Erwartet hatte ich eine extrem arme und kaputte Stadt - stattdessen ein Schmuckkästchen von Innenstadt, eine lebhafte und lebendige Atmosphäre, gleichzeitig entspannt. Wenn nur nicht die 1000 Banken überall wären und jeder zweite Laden eine Kette, wie man sie in jedem westeuropäischen Land findet! Es kann doch unmöglich DAS Urbedürfnis aller Menschen sein, bei Office oder Zara einkaufen zu können - zumal sich das in Novi Sad doch sicher nur die Reichen leisten können??
Die für jede Kneipe zu große Gruppe spaltet sich nach einigem Zögern auf (immer diese trägen Gruppenentscheidungen!); ich lande mit Margarete in einer sehr netten Galerie-Kneipe mit Federbildern an der Wand, gutem Bier, sehr netter Bedienung und angenehmen Publikum - und man darf rauchen! Schönes Novi Sad!
Um 2:00 Uhr bin ich im Hotelbett, erschöpft und aufgedreht und ziemlich zufrieden mit dem Tag.
Wort des Tages: "Wir könnten schon in Belgrad sein!" (Margarete im Flugzeug zu den Späteinsteigern)
Treffpunkt 17:15 in Tegel - der Check-in ist in einem Wurmfortsatz des Hauptgebäudes; man fliegt offenbar in merkwürdige Gegenden.
Knapp 1,5 Stunden später sind die ersten - ungefähr die Hälfte der Choristen, Musiker und Solisten - bereits ins Flugzeug eingestiegen, als sich am Gate diffus Unruhe breitmacht, weil immer noch einige draußen am Check-in stehen. Es stellt sich heraus, dass das Gepäckband seit einer Stunde (in Zahlen: 1 Stunde!) stillsteht. Diejenigen, die noch nicht ins Flugzeug eingestiegen sind bzw. die ihr Gepäck noch auf dem Gepäckband sehen, gehen durch die Security zurück, zerren ihr Gepäck vom stillstehenden Band, schleppen es zum Sperrgepäckschalter, werden dort angepflaumt, man solle jetzt aber gefälligst schnell zum Gate gehen (!? Hallo!? Wollte ich mein Gepäck durch die Gegend schleppen, habe ich das mit dem Gepäckband versemmelt?) und rennen wieder zurück zum Gate - nochmal Wasser wegkippen, nochmal Taschen leeren, nochmal Gürtel ausziehen. Lustig ist, dass beim ersten Mal der Metalldetektor nicht anschlug, jetzt aber sehr wohl und Stiefel und noch mehr auch runter müssen.
Die ganze Aktion hat immerhin schonmal für Kontakt zwischen Solisten und gemeinem Chorvolk gesorgt - und für Mitleid mit den Solisten, die aufgrund ihrer Roben extrem fette Koffer mit sich führen.
Mit ca. 45 Minuten Verspätung hebt das Flugzeug ab, während gemutmaßt wird, wessen Gepäck die größeren Chancen hat, tatsächlich auch in Belgrad anzukommen.
Im Flugzeug herrscht von Seiten des Flugpersonals ein rauher Ton - vermutlich haben die Stewardessen nur widerwillig und unvollständig von sozialistischem Drill Sergeant auf kapitalistische Flugbegleiterin umgeschult.
In Belgrad gelandet fehlen unglücklicherweise tatsächlich 3 Koffer, vermutlich die, die nicht mehr auf der Check-in-Schalter-Seite des Laufbandes zu sehen waren, aber auch noch nicht auf der anderen Seite rausgekommen waren. Danke dafür.
Es wartet der bestellte Bus mitsamt einigen serbischen Choristen als Begleitung auf uns, und als wir kurz vor Mitternacht am Hotel in Novi Sad ankommen, sieht man als erstes Zara, Mexx und Puma, was ich extrem befremdlich finde. Wir steigen in einer Betonwüste aus und gelangen überraschenderweise einmal 50 m um die Ecke biegend in die Innenstadt von Novi Sad. Das Hotel liegt zentralst - als würde man in Berlin am Gendarmenmarkt wohnen.
Der 2 m große und breite Milos/Milan (bis zum Ende herrscht bei den Deutschen Unklarheit über seinen Namen, aber weitgehend Einigkeit über seine Schönheit) führt die noch Hungrigen und Durstigen oder einfach Neugierigen unter uns in die Ausgehgegend von Novi Sad. Die Stadt ist voll mit Amüsiervolk, alles junge Leute, die Kneipen und Bars sind extrem ansprechend und könnten alle genauso in Berlin-Mitte existieren - einen Überraschung nach der anderen!
Erwartet hatte ich eine extrem arme und kaputte Stadt - stattdessen ein Schmuckkästchen von Innenstadt, eine lebhafte und lebendige Atmosphäre, gleichzeitig entspannt. Wenn nur nicht die 1000 Banken überall wären und jeder zweite Laden eine Kette, wie man sie in jedem westeuropäischen Land findet! Es kann doch unmöglich DAS Urbedürfnis aller Menschen sein, bei Office oder Zara einkaufen zu können - zumal sich das in Novi Sad doch sicher nur die Reichen leisten können??
Die für jede Kneipe zu große Gruppe spaltet sich nach einigem Zögern auf (immer diese trägen Gruppenentscheidungen!); ich lande mit Margarete in einer sehr netten Galerie-Kneipe mit Federbildern an der Wand, gutem Bier, sehr netter Bedienung und angenehmen Publikum - und man darf rauchen! Schönes Novi Sad!
Um 2:00 Uhr bin ich im Hotelbett, erschöpft und aufgedreht und ziemlich zufrieden mit dem Tag.
Wort des Tages: "Wir könnten schon in Belgrad sein!" (Margarete im Flugzeug zu den Späteinsteigern)
Sonntag, 5. Oktober 2008
Francis Bacon

Am letzten Tag in London regnet es Bindfäden, und kurzfristig platzt die Lunch-Verabredung mit Anna; das Mietauto muß an der Victoria Coach station abgegeben werde, wo 3 h später dann auch der Bus gen Stanstead abfährt. Was also tun? Vor allem, weil sie zu Fuß zu erreichen ist, fällt die Entscheidung auf die Francis-Bacon-Ausstellung in der Tate Britain - und das ist dann unverhoffterweise das Kulturhighlight, das das Theaterstück der Royal Shakespeare Company trotz David Tennant irgendwie nicht war.
So oft stehe ich vor Bildern und verstehe es nicht - why this picture? Ich weiß einfach zu wenig über Ikonographie (oder Ikonologie, da fängts ja schon an!), über Kunst, über alles. Ein Museumsbesuch ist dann oft wie ein Augenbad: die Augen kriegen mal was anderes zu sehen als den Alltagskrempel und Berliner herbstgrau, was ja auch einfach mal ganz erholsam ist.
Aber jetzt, Francis Bacon: es fegt mir schier die Rübe weg. Ich gehe in den ersten Raum und SEHE, was gemeint ist. Ohne Umwege über kunsthistorische Grübeleien treffe ich auf diese Bilder wie auf ein Gegenüber, das meine Weltsicht ganz und gar teilt. Ich sehe diese Bilder und denke "ja, genau so ist es." Der Mann hat die menschliche Existenz begriffen - und kann es sichtbar machen. Diese verzerrten kreatürlichen Menschenleiber, so oft schreiend, so oft in gerasterte Räume gezwungen oder ineinander verkeilt, von den Kadaverkreuzigungen mal ganz abgesehen: so isses. Das und grauenvollerweise nur das bedeutet Dasein nach dem Verlust der Transzendenz. Dieses schreiende Leiden - die Bilder tun fast körperlich weh. Und sind umso herzzereißender, als auch die Portraits von Bacons Freunden ausgestellt sind, der Versuch der erfüllenden Sinngebung und menschlichen Wärme neben die nackte Existenz als Kreatur gestellt ist.
Unablässig dazu als Soundtrack in meinem Kopf die Sonette von Andreas Gryphius und das Brahms-Requiem - zumal so viele Körper im Gras gemalt sind und schier mit diesem verschmelzen.
Keins dieser Bilder könnte ich ertragen, jeden Tag anzuschauen - aber wie großartig ist es, sie einmal gesehen zu haben.
So oft stehe ich vor Bildern und verstehe es nicht - why this picture? Ich weiß einfach zu wenig über Ikonographie (oder Ikonologie, da fängts ja schon an!), über Kunst, über alles. Ein Museumsbesuch ist dann oft wie ein Augenbad: die Augen kriegen mal was anderes zu sehen als den Alltagskrempel und Berliner herbstgrau, was ja auch einfach mal ganz erholsam ist.
Aber jetzt, Francis Bacon: es fegt mir schier die Rübe weg. Ich gehe in den ersten Raum und SEHE, was gemeint ist. Ohne Umwege über kunsthistorische Grübeleien treffe ich auf diese Bilder wie auf ein Gegenüber, das meine Weltsicht ganz und gar teilt. Ich sehe diese Bilder und denke "ja, genau so ist es." Der Mann hat die menschliche Existenz begriffen - und kann es sichtbar machen. Diese verzerrten kreatürlichen Menschenleiber, so oft schreiend, so oft in gerasterte Räume gezwungen oder ineinander verkeilt, von den Kadaverkreuzigungen mal ganz abgesehen: so isses. Das und grauenvollerweise nur das bedeutet Dasein nach dem Verlust der Transzendenz. Dieses schreiende Leiden - die Bilder tun fast körperlich weh. Und sind umso herzzereißender, als auch die Portraits von Bacons Freunden ausgestellt sind, der Versuch der erfüllenden Sinngebung und menschlichen Wärme neben die nackte Existenz als Kreatur gestellt ist.
Unablässig dazu als Soundtrack in meinem Kopf die Sonette von Andreas Gryphius und das Brahms-Requiem - zumal so viele Körper im Gras gemalt sind und schier mit diesem verschmelzen.
Keins dieser Bilder könnte ich ertragen, jeden Tag anzuschauen - aber wie großartig ist es, sie einmal gesehen zu haben.
Samstag, 4. Oktober 2008
In the presence of beauty
Vor über einem Jahr wurden die Karten gekauft, heute ist es tatsächlich endlich soweit: Love's Labour's Lost in Stratford, Royal Shakespeare Company mit - und nur darum geht es ja! - David Tennant.
Erst übererregt wie ein kleines Kind am Heilig Abend macht sich schnell ein Gefühl des Antiklimax ein, weil: ob der Mensch in Wirklichkeit 20 m entfernt auf der Bühne steht oder als Doctor Who über den Bildschirm flimmert - es macht schlicht keinen Unterschied. Genauso gut könnte er in einem Paralleluniversum existieren - wie soviele Charaktere in gleichnamiger Serie. Zumal ich nicht die Coolness (oder Uncoolness?) aufbringe, beim Applaus mit einer Rose zum Bühnenrand zu latschen. Nicht, dass ich eine Rose gehabt hätte.
Das Ganze hinterläßt ein schales Gefühl der Peinlichkeit... auch ohne Rose.
Erst übererregt wie ein kleines Kind am Heilig Abend macht sich schnell ein Gefühl des Antiklimax ein, weil: ob der Mensch in Wirklichkeit 20 m entfernt auf der Bühne steht oder als Doctor Who über den Bildschirm flimmert - es macht schlicht keinen Unterschied. Genauso gut könnte er in einem Paralleluniversum existieren - wie soviele Charaktere in gleichnamiger Serie. Zumal ich nicht die Coolness (oder Uncoolness?) aufbringe, beim Applaus mit einer Rose zum Bühnenrand zu latschen. Nicht, dass ich eine Rose gehabt hätte.
Das Ganze hinterläßt ein schales Gefühl der Peinlichkeit... auch ohne Rose.
Donnerstag, 2. Oktober 2008
Back in the UK
Wie immer, wenn ich zu Besuch zurückkomme, fange ich schon im Flughafen an, breit zu grinsen. Alle Menschen sprechen diese wunderbare Sprache, sogar mit ihren Hunden - großartig.
Vor allem nach 4 Wochen breiigem amerikanischen Englisch im Ohr ist das einfach geil.
Vor allem nach 4 Wochen breiigem amerikanischen Englisch im Ohr ist das einfach geil.
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